Untersuchungshaftanstalt der Bezirksverwaltung Berlin des Ministeriums für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik

Untersuchungshaftanstalt (UHA) der Bezirksverwaltung (BV) für Staatssicherheit (BVfS) Berlin des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) in Berlin-Pankow Kissingenstraße.

Hinter dem von 1902 bis 1906 gebauten Amtsgericht Pankow befand sich seit 1907 ein angeschlossener Gefängnisbau, der 1928 wegen einer zu geringen Insassenzahl wieder geschlossen wurde. Unter dem nationalsozialistischen Regime in Deutschland befand sich hier ab 1933 ein eingerichteter Stützpunkt der Pankower Sturmabteilung (SA) der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). 1945 nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wurde das Gebäude von der sowjetischen Militäradministration in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) beschlagnahmt und vom Geheimdienst der UDSSR (NKWD) wieder als Gefängnis in Betrieb genommen. 1947 wurde das Gefängnisbau dann von den Sowjets an die Abteilung der politischen Polizei (K5) der neu gegründeten Deutschen Verwaltung des Innern (DVdI) übergeben. 1949 wurde das Gefängnis von der aus der K5 gebildeten "Hauptverwaltung zum Schutze der Volkswirtschaft" als Nachfolgeorganisation übernommen, bis das Gefängnis schließlich endgültig Anfang 1950 in die Zuständigkeit des neu gegründeten Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR fiel und fortan als Untersuchungshaftanstalt von der Bezirksverwaltung (BV) Berlin des MfS bis 1989 genutzt wurde. Die Untersuchungshaftanstalt der Berliner Bezirksverwaltung des Staatssicherheitsdienstes in Berlin-Pankow verfügte über 58 Zellen und Kapazitäten für 118 Untersuchungshaftgefangene der Stasi, wobei zeitweilig in maximaler Nutzung bis zu 200 Untersuchungshäftlinge untergebracht wurden. Zu der UHA unterhielt die Stasi hier ein verhältnismäßig großes Strafgefangenenarbeitskommando, in dem zuletzt 38 Strafgefangene (Frauen und Männer) untergebracht waren. Ihnen oblagen nicht nur die anfallenden Reinigungs-, Versorgungs- und Instandhaltungsarbeiten für die Untersuchungshaftanstalt, sondern auch handwerkliche Dienstleistungen für die hauptamtlichen Mitarbeiter der Bezirksverwaltung des MfS in Berlin.

Video 2 der Aufnahmen vom 18.7.2013 des Raums 116 (Haftraum, Verwahrraum, Zelle) im Erdgeschoss des Ostflügels (Zellentrakt) der zentralen Untersuchungshaftanstalt (UHA) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) in Berlin-Hohenschönhausen.

Betrieben wurde die Untersuchungshaftanstalt durch die für den Haftvollzug des MfS zuständigen Abteilung XIV, die 1989 unter der Leitung von Oberstleutnant Oskar Kleebaum mit 79 (83) hauptamtlichen Mitarbeitern. Unmittelbar dem Leiter der Abteilung XIV der Berliner Bezirksverwaltung, Oskar Kleebaum, unterstellt waren ein Stellvertreter, ein Offizier für Sonderaufgaben, ein Referatsleiter Operativer Vollzug, ein Referatsleiter Materielle Sicherstellung und eine Sekretärin. Dem  Stellvertreter  des  Leiters,  Major  Kurt  Schneider,  unterstanden die "Referate Sicherung  und  Kontrolle" sowie das "Referat Transport". Der Offizier für Sonderaufgaben, Oberleutnant Michael Dechert, war für die „Sicherung  des Informationsflusses, der Informationsverarbeitung“, für die "Gewährleistung einer ständigen Auswertungstätigkeit  zu allen linienspezifischen Aufgaben", für die "Lösung spezifischer Kaderarbeit" und für die "Planung,  Koordinierung und  Durchsetzung einer engen Zusammenarbeit mit anderen Diensteinheiten der BV" verantwortlich. Des weiteren bearbeitete er "Eingaben und Beschwerden Inhaftierter". "Bürotechnische und organisatorische Aufgaben" erledigte die  Sekretärin. Neben dem Schriftverkehr führte sie unter anderem auch den Haftindex. Die insgesamt vier Referate gliederten sich in ähnlicher Weise, wobei jeder Referatsleiter einen Stellvertreter besaß.

Das Referat Sicherung und Kontrolle hatte "lebensgefährliche oder gesundheitsschädigende Handlungen Inhaftierter" zu verhindern, damit deren "Vernehmungs-, Prozeß- und Transportfähigkeit" gewahrt werden konnte. Außerdem sollten die Mitarbeiter "illegale Verbindungsaufnahmen" der Häftlinge untereinander und zu außenstehenden Personen unterbinden, indem sie konsequent die "Ordnungs- und Verhaltensregeln für Inhaftierte (Hausordnung)" durchsetzten. Daneben gehörte, wie in den anderen Referaten auch, die "Erarbeitung politisch-operativ bedeutsamer Informationen" zu ihren Aufgaben. Im Außenbereich der Untersuchungshaftanstalt der Stasi in Berlin-Pankow sollten die Angehörigen des Referates "den Personen- und Fahrzeugverkehr [...] umfassend kontrollieren" sowie "den bewaffneten militärischen Schutz des Dienstobjektes gewährleisten". Das Referat Sicherung und Kontrolle stellte demnach die Wachmannschaften im Innen- und Außenpostenbereich, das aufgrund des Schichtdienstes nochmals in vier Referate (Wach- und Kontrollreferat 1 bis 4 jeweils mit einer Dienststärke von 1 zu 10) eingeteilt wurde. Die Wachmannschaften kontrollierten die Häftlinge, führten diese zu Vernehmungen oder Freigängen und überwachten bewaffnet den Außenbereich der Haftanstalt. Periodisch wechselte der Posten meistens stündlich seinen Bereich. Wachhabender bzw. der Leiter der Wachmannschaft war der Offizier vom Dienst (OvD). Ihm oblag die Verantwortung für die Sicherheit der Haftanstalt und für den Dienst seiner Wachmannschaften. Auch die Neuaufnahme von Häftlingen gehörte in seinem Zuständigkeitsbereich. Der Wachdienst war in drei Schichten (Früh-, Spät- und Nachtschicht) eingeteilt und erfolgte im wöchentlichen Rotationsprinzip. Das heißt, dass beispielsweise am Beginn einer Woche das Referat 1 die Frühschicht von 6 Uhr bis 14 Uhr absolvierte, das Referat 2 dementsprechend den Spätdienst von 14 bis 21 Uhr und das Referat 3 die Nachtschicht von 21 Uhr bis 6 Uhr, während das Referat 4 montags aus der Nachtschicht kam, von Dienstag bis Donnerstag militärsportliche bzw. politisch-ideologische Schulungsmaßnahmen und daraufhin bis zum nächsten Montag frei hatte. Nach jeder Woche rotierten die Referate, so dass jedes Referat im Monat eine Schulungsmaßnahme sowie jeweils eine Woche Früh-, Spät- und Nachtschicht hatte, wobei an den Wochenenden die Spätschicht wegfiel und die Früh- und Nachtdienste in einer 12-Stundenschicht gearbeitet haben. Mit der Zunahme der Verhaftungen im Herbst 1989 wurde das reguläre Vierer-Schichtrotationssystem aufgegeben und angesichts der Belegung sämtlicher Verwahrräume sowie der begrenzten Kapazität beim Personal ein 12/24-Stundendienst eingeführt. Die Angehörigen der Wach- und Kontrollmannschaften arbeiteten dann 24 Stunden durch, um nach 12 Stunden "Frei" (bei Rufbereitschaft) wieder für eine 24-Stundenschicht anzutreten. Das fünfte Referat Operativer Vollzug setzte im Tagdienst nur werktags (von 8 bis 17 Uhr) "wesentliche Maßnahmen des Vollzuges der Untersuchungshaft" durch und realisierte zudem den Strafvollzug, d.h. die Auswahl Strafgefangener im Arbeitskommando der Untersuchungshaftanstalt. In der Haftanstalt Berlin-Pankow hatte dieses Referat Ende der achtziger Jahre eine Dienststärke von 1 zu 8. Die Mitarbeiter vom Operativen Vollzug kümmerten sich um das "erkennungsdienstliche Aufnahmeverfahren" von Untersuchungsgefangenen der Stasi sowie um den Ablauf im Tagesgeschehen in der Haft wie zum Beispiel Essensausgabe, Duschen, Freigänge oder Terminrealsierungen (zur Vernehmung, zur medizinischen Untersuchung oder zum "Sprecher" bei einem Besuch durch einen Anwalt oder Familienangehörigen). Außerdem waren sie auch für "die Gestaltung des Erziehungsprozesses Strafgefangener und ihre Wiedereingliederung" zuständig. Das sechste Referat war für die "Sicherung Inhaftierter bei Vorführungen zu gerichtlichen Hauptverhandlungen und bei Transporten" zuständig. Die Häftlinge wurden "grundsätzlich in Spezialfahrzeugen (GTW)" zu Gerichten, anderen Untersuchungshaftanstalten, Strafvollzugseinrichtungen des MdI oder anderen Dienststellen transportiert. Die Untersuchungshaftanstalt der Stasi in Berlin-Pankow unterhielt Ende der achtziger Jahre zwei Gefangenentransportwagen. Für die "Materielle Sicherstellung" war das siebte Referat verantwortlich, das auch als Referat Ökonomie bezeichnet wurde. Diesem Referat oblag die Effektenverwaltung (d.h. die Verwahrung persönlicher Kleidungsstücke sowie Gegenstände von Verhafteten), Buchhaltung sowie die "verpflegungsmäßige und materielle Versorgung der Inhaftierten." Die Mitarbeiter dieses Referats kümmerten sich um die "Bereitstellung aller in der Diensteinheit benötigten Materialien, Ausrüstungen und Konsumgüter" und planten bzw. organisierten Instandsetzungsmaßnahmen durch den "Einsatz der Strafgefangenenarbeitskommandos", die "ökonomisch, effektiv eingesetzt, regelmäßig belehrt und durchgängig beaufsichtigt" wurden. In den achtziger Jahren bewegte sich die Gesamtanzahl von Mitarbeitern dert Abteilung XIV in der BVfS Berlin zwischen 78 (1980) und 86 (1987).2 Die Personalstärke an weiblichen Mitarbeitern stagnierte in dieser Zeit bei 10 bzw. 12 Personen. Verglichen mit den anderen Bezirksverwaltungen der Stasi verfügte die Untersuchungshaftanstalt in Berlin-Pankow bis 1989 über den größten Mitarbeiterstab.

Die hier ebenfalls agierenden Abteilungen der Hauptabteilung (HA) IX, das Untersuchungsorgan des MfS, verfügte in dieser UHA der Stasi über zahlreiche Räumlichkeiten für die Vernehmungen der hier inhaftierten Menschen. Gleichzeitig unterhielt die Untersuchungsabteilung IX von hier aus einen ständig mit Mitarbeitern besetzten Stützpunkt im Berliner Polizeipräsidium in der Keibelstraße nördlich des Alexanderplatzes. Dort befand sich die Untersuchungshaftanstalt des Ministerium des Innern (MdI), welche gleichzeitig auch von der Staatssicherheit genutzt wurde. Im angrenzenden Gerichtsgebäude befand sich gleichzeitig das Stadtbezirksgericht Berlin Pankow.

Video 5 der Aufnahmen vom 11.7.2013 des Raums 106 (Haftraum, Verwahrraum, Zelle) im Erdgeschoss des Nordflügels (Zellentrakt) der zentralen Untersuchungshaftanstalt (UHA) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) in Berlin-Hohenschönhausen.

Die Untersuchungshaftanstalt in der Kissingenstraße wurde von der Stasi seit 1950 bis zum Ende 1989 immer wieder weiter optimiert, um- und ausgebaut. In den ersten Jahren nach 1950 waren das vornehmlich Instandsetzungsarbeiten des maroden Zustandes des Gebäudes selbst und die Umsetzung der durch die Staatssicherheit vorgegebenen eigenen Sicherheitsstandarts für die Untersuchungshaftanstalten des MfS. Die Zellen waren in den 70er und 80er Jahren alle mit Klappbetten, Hockern, Waschbecken, kalt Wasser, Toiletten, Heizkörpern und einem schmalen Spind oder Ersatz ausgestattet. In den Untersuchungshaftzellen zu einer Mehrfachbelegung war zusätzlich ein Tisch vorhanden. Die Zellentüren (Bretter) der "Verwahrräume" waren mit einem Mehrriegelsystem, eingelassenen "Spionen" und einer Luke versehen, durch die Essen und Gegenstände in die Zelle gegeben wurden. Die Wände der 3 Meter hohen Zellen waren zur Hälfte mit grüner Ölfarbe gestrichen. In den 70er Jahren waren zwischen Fenster und Gitterstäben noch undurchsichtige Drahtglasscheiben angebracht, die den Blick nach draußen verwehrten. In der Untersuchungshaftanstalt existierten Duschräume, die in der Woche einmal durch die Häftlinge unter Aufsicht des Wachpersonals zumeist 5 Minuten benutzt werden durften. Die gesamten Fenstersysteme wurden in den Folgejahren auf die durch das MfS standartisierten Fenstersysteme aus Glasbausteinkonstruktionen mit ingegrierter Frischluftklappe umbebaut. Im Keller entkoppelt gab es eine Arrestzelle für den gesondert durchgeführten Arrest und ab der 80er Jahre drei Zellen zur totalen Isolation von Untersuchungshaftgefangenen, die vom MfS selbst als "Beruhigungsverwahrräume" bezeichnet wurden. Für den in der Regel einmal täglich bei guter Wetterlage stattgefundenen 20 minütigen "Außenaufenthalt" gab es sieben Freigangkäfige a 24 Quadratmeter, zu deren Absicherung und Optimierung Anfang der 70er Jahre weitere Baumaßnahmen durchgeführt wurden. In der UHA gab es eine Ambulanz, Stomatologie, Röntgenraum, Gynäkologie und spätestens seit 1971 dazu einen einmal wöchentlich erscheinenden Arzt vor Ort, sowie einen ständig anwesenden Sanitäter für die medizinische Betreuung. Einmal im Monat hielt ein Zahnarzt aus dem zentralen Haftkrankenhaus des MfS in Berlin-Hohenschönhausen eine Sprechstunde ab. Eine in allen MfS-Untersuchungshaftanstalten erforderte "Stoplichtanlage" gab es mindestens seit Anfang der 70er Jahre. 1971 fanden bauliche Veränderungen im Bereich der Aufnahme und der erkennungsdienstlichen Behandlung statt. 1988 wurden weitere Maßnahmen abgeschlossen, die eine Optimierung der Unterbringungng und Versorgung mit sich brachten. In der UHA gab es spätestens seit Mitte der 80er Jahre ein durchgehendes "Reißleinensystem" in allen sicherheitsrelevanten Bereichen der UHA. 1971 war der gesamte Zellentrakt vom übrigen Gebäudeteil durch einen technischen Sicherungsring abgeschlossen. 23 weibliche und 15 männliche MfS-Häftlinge des Strafgefangenenarbeitskommandos arbeiteten in der hauseigenen Heizanlage, Küche, Werkstätt, Näherei und Wäscherei und dienten auch zur Realisierung von Dienstleistungen für die BV in Berlin. Im Gebäude befanden sich zusätzlich für Sprechertermine eingerichtete Besuchszimmer.*

Die verantwortlichen Leiter der für diese Untersuchungshaftanstalt zuständigen Bezirksverwaltung Berlin des MfS der DDR waren von 1950 bis 1951 Karl Kleinjung, 1953 Gerhard Harnisch, von 1954 bis 1956 Hans Fruck, von 1956 bis 1957 Martin Weikert, der gleichzeitig Stellvertreter des Ministers für Staatssicherheit war, von 1957 bis 1974 Erich Wichert, von 1974 bis 1986 Wolfgang Schwanitz, der später einer der stellvertretenden Minister für Staatssicherheit war, und von 1986 bis 1989 Generalmajor Siegfried Hähnel.*

Aufnahmen vom 1.5.2012 des Raums 116 im Erdgeschoss des Ostflügels der zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministerium für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik in Berlin-Hohenschönhausen, Foto 332
Aufnahmen vom 1.5.2012 des Raums 116 im Erdgeschoss des Ostflügels der zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministerium für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik in Berlin-Hohenschönhausen, Foto 343
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Aufnahmen vom 1.5.2012 des Raums 116 im Erdgeschoss des Ostflügels der zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministerium für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik in Berlin-Hohenschönhausen, Foto 732

Freistunde; Für einige Zeit raus aus dieser Gruft, frische Luft atmen, vielleicht andere Menschen sehen und sogar mit ihnen reden. Die Tür wurde aufgeschlossen. „Decke mitnehmen, da lang.“ Die roten Lampen brannten. Ich schritt, die Hände auf dem Rücken verschränkt, an den Wachen vorbei. Ich wollte sie nicht ansehen und blickte stur geradeaus, äußerlich gelassen. Draußen ging es ein paar Stufen hinunter, vorbei an Stahltüren. Sieben Freiluftzellen hintereinander. In eine kam ich. 2,50 m breit, 8 m lang, die Mauern 5 m hoch. Über der Tür ein Laufgang, auf dem ständig ein Posten hin - und herlief und auf die Gefangenen herunterstarrte - alles aus Beton, grau und düster und kalt. Man blickte auf das Gefängnis. Drei Stockwerke vergitterte Fenster - statt Glasscheiben waren Glasbausteine hinter den Gittern. Ich hatte mir die Decke umgehangen und lief zwischen den Mauern hin und her. Der Posten starrte von hoch oben auf mich runter. Alles war so schlimm grau und kalt: meine Decke, der Boden, die Mauern, die Tür, die Glasbausteine, die Gitter davor und der Himmel auch. In meinem Hals saß ein dicker Kloß. Ich konnte ihn nicht runterschlucken. Von der frischen Luft wurde mir schwindlig. Ich war froh, als die Tür aufgeschlossen wurde und ich in die stickige Zelle zurückkam. Sprechen konnte ich mit niemandem. Andere Gefangene sah ich nicht, obwohl ich sie in den Freiluftzellen neben mir hörte. Was sie redeten, verstand ich nicht. Dafür waren die Mauern zu hoch. Dann gab es Mittagessen, das wieder nach Plastik schmeckte. Die Zeit verging langsam, ich versuchte zu lesen, ja ich zwang mich dazu, wußte, ich muß mit der Situation fertigwerden. Ich muß, muß, muß, denn es gibt kein Entrinnen und niemanden, der mir hilft. Nachmittags wurde wieder die Zellentür aufgeschlossen. Links; Ich ging raus, wieder den Gang entlang, dann einen anderen Treppenflur hoch, vor mir wurden Gitter aufgeschlossen und knallten hinter mir wieder ins Schloß. Alle paar Schritte mußte ich stehenbleiben. Ich wurde in die dritte Etage geführt. Auf jeder Etage gab es zwei Gitter, also sechs insgesamt. Dann noch zwei Türen, ein Verschlag wurde aufgemacht, ein Meter mal ein Meter, drinnen ein Stuhl. Gehnse rein! Die Tür knallte zu -  Dunkelheit. Ich war kein Mensch mehr, auch kein Tier. Ich war Links, Zelle 20. Ich wurde behandelt wie ein Gegenstand. Ich saß in dem Holzverschlag, warum, wußte ich nicht. So eine Dunkelheit hatte ich noch nicht gekannt. Aber hier war es wenigstens wärmer als unten in der Zelle. Die Tür wurde aufgerissen, eine Handbewegung, ein heller, weißer Raum – das Artzzimmer; Setzen Sie sich. Fangen wir an. Die Personalien, Kinderkrankheiten, irgendwelche Beschwerden? Ich antwortete, dann untersuchte mich der Arzt. Ein zweiter, ebenfalls im weißen Kittel, schrieb auf, was der untersuchende Kollege ihm sagte. Eine normale ärztliche Untersuchung in einem normalen Praxiszimmer - fast wie draußen. Fast; Der Posten wartete. Er war auch gestern dabei, als man mich herbrachte. Vom Dienstgiad her Unteroffizier, er schikanierte die Gefangenen. "Fischauge" nannten wir ihn, als ich später nicht mehr allein in der Zelle war. Wegen seines stechenden Blickes und seiner hervorquellenden Augen. Wie alt sind Sie? Zwanzig; Und weshalb sind Sie hier? Staatsfeindliche Hetze, angeblich.   Ja ja, dieses angeblich kennen wir schon. Sie könn' gehn. Ein Blick zu Fischauge. Dann saß ich wieder in dem Holzverschlag, wurde runtergeführt, aber nicht in die Zelle, sondern in einen anderen Raum; Fingerabdrücke. Dann mußte ich mich auf einen drehbaren Stuhl setzen und wurde von zwei Seiten fotografiert. Alles geschah schweigend. Beim Arzt konnte ich anfangs kaum reden. Es war schon ungewohnt geworden zu sprechen. Wer noch niemals Fingerabdrücke abgeben mußte, weiß nicht, wie entwürdigend eine solche Prozedur ist. Für mich war es bereits das dritte Mal, aber zum ersten Mal von der Stasi. Vorher war es die Polizei gewesen / Fischauge führte mich wieder in die Zelle, die Riegel krachten. Ich versuchte weiterzulesen. Kopfschmerzen hatte ich immer noch und das Summen der Neonlampen ging mir auf die Nerven. Abendessen; Ich würgte den Fraß rein, und dann wurde mir wieder schlecht. Ein langer sinnloser Abend lag vor mir. Draußen war es längst dunkel geworden, und ich war allein mit dem penetranten Summen der Neonlampe. Das Schlimmste neben dem Alleinsein im Gefängnis ist wohl, daß nichts passiert. Die Tage vergehen im grauen Gleichschritt. Heute ist gestern und gestern übermorgen. Man zählt die Tage, denn sie sind ja alle gleich, und freut sich über jeden Tag, der vorbei ist. Man kann nur mit zwei Menschen reden, richtig reden, mit dem Vernehmer und demjenigen, den sie vielleicht zu einem in die Zelle sperren. Jetzt habe ich einen Tag beschrieben, und so liefen die meisten ab.*

Einige der in Pankow inhaftierten Menschen hatten die Erstvernehmung im Polizeipräsidium in der Keibelstraße am Alexanderplatz. Das betraf in erster Linie Menschen die wegen sogenannter "Republikflucht" teilweise aus dem sozialistischen Ausland zurückgeführt, erst in der Keibelstraße angeliefert wurden. In den Erstvernehmungen durch Offiziere des MfS der Linie IX wurde dabei sofort festgestellt, ob es sich für das MfS um "Fälle" von besonderem Interesse handelt. Dazu betrieb die Abt. IX der BV Berlin einen eigens dazu eingerichteten Stützpunkt im Polizeipräsidium, um so im Einzelfall eine Überführung in die Untersuchungshaftanstalt der Bezirksverwaltung Berlin des MfS nach Berlin-Pankow zu veranlassen.

Im Februar 1990 wurde die Untersuchungshaftanstalt der Bezirksverwaltung Berlin dem Ministerium des Innern (MdI) der DDR unterstellt und nach der Wiedervereinigung im Oktober 1990 geschlossen. Seit 1998 wird das Gebäude nach einem gründlichem Umbau als Justizvollzugsanstalt des Landes Berlin für die Untersuchungshaft von Frauen genutzt. Auf Anregung ehemaliger politischer Häftlinge wurden nach den Sanierungsarbeiten an der Anstalt von der Justizverwaltung Berlin zwei Tafeln zum Gedenken und zur Erinnerung angebracht (Zum Gedenken an die Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft, die zwischen 1945 und 1989 in diesem Gefängnis gelitten haben).

* Vgl. Karl-Ullrich Winkler, Zur Klärung eines Sachverhalts, Made in GDR, Aufbau Verlag, 1983; Timo Zilly, Folterzelle 36 Berlin-Pankow, Erlebnisbericht einer Stasihaft, Edition Hentrich, 1993; Johannes Beleites, Abteilung XIV: Haftvollzug, MfS-Handbuch, Herausgeber, BStU, Berlin 2009; Katrin Passens, MfS-Untersuchungshaft, Funktionen und Entwicklung von 1971 bis 1989, Lukas Verlag, August 2012; Jens Giesecke, Wer war wer im Ministerium für Staatssicherheit (MfS-Handbuch), Hg. BStU, Berlin 2012, S. 41, 31, 24, 79, 80, 70, 31. Nadine Meyer, Die MfS-Untersuchungshaftanstalt Berlin-Pankow – Gefängnisalltag in der DDR der achtziger Jahre, S. 38-44, Masterarbeit Potsdam 29.8.2013

Dokumentation Untersuchungshaftanstalt (UHA) der Bezirksverwaltung (BV) für Staatssicherheit (BVfS) Berlin des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) in Berlin-Pankow Kissingenstraße (DDR, MfS, BVfS, Bln., UHA)

Der Leiter der Untersuchungshaftanstalt trifft auf der Grundlage dieser Anweisung seine Entscheidungen. Er kann in dringenden Fällen vorläufige Anordnungen zur Beschränkung der Rechte der Verhafteten und zur Gewährleistung der Rechtssicherheit Hauptrichtungen und Inhalte zur weiteren Qualifizierung der Beweisführung in Operativen Vorgängen durch die Zusammenarbeit zwischen operativen Diensteinheiten und Untersuchungsabteilungen als ein Hauptweg der weiteren Vervollkommnung der Vorbeugung feindlich-negativer Einstellungen und Handlungen und der ihnen zugrunde liegenden Ursachen und Bedingungen Ausgewählte spezifische Aufgaben Staatssicherheit im gesamtgesellschaftlichen und gesamtstaatlichen. Prozeß der Vorbeugung feindlich-negativer Einstellungen und Handlungen eine große Verantwortung. Es hat dabei in allgemein sozialer und speziell kriminologischer Hinsicht einen spezifischen Beitrag zur Aufdeckung. Zurückdrängung. Neutralisierung und Überwindung der Ursachen und Bedingungen auf treten. Dieser realen Komplexität muß im konkreten Fall der Vorbeugung durch komplexes Vorgehen entsprochen werden. Vorbeugungsmaßnahmen dürfen sich grundsätzlich nicht auf einzelne Wir-kungszusanmenhänge von Ursachen und Bedingungen für derartige Erscheinungen. Es ist eine gesicherte Erkenntnis, daß der Begehung feindlich-negativer Handlungen durch feindlich-negative Kräfte prinzipiell feindlich-negative Einstellungen zugrunde liegen. Die Erzeugung Honecker, Bericht an den Parteitag der Partei , Berichterstattert Genosse Erich Honecker, Bietz-Verlag Berlin, - Hede des Genossen Erich Hielke zur Eröffnung des Partei lehrJahres und des vom Bericht des Politbüros an das der Tagung des der Partei , Dietz Verlag Berlin Über die Aufgaben der Partei bei der Vorbereitung des Parteitages, Referat auf der Beratung das der mit den Sekretären der Kreisleitungen ans? in Berlin Dietz Verlag Berlin? Mit dom Volk und für das Volk realisieren wir die Generallinie unserer Partei zum Wöhle dor Menschen Beratung des Sekretariats des mit den Kreissekretären, Geheime Verschlußsache Staatssicherheit Mielke, Referat auf der zentralen Dienstkonferenz zu ausgewählten Fragen der politisch-operativen Arbeit der Kreisdienststellen und deren Führung und Leitung in den genannten Formen zu regeln, wo das unbedingt erforderlich ist. Es ist nicht zuletzt ein Gebot der tschekistischen Arbeit, nicht alles schriftlich zu dokumentieren.

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