Artikel 86 der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik

Artikel 86 der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) vom 6. April 1968 (GBl. DDR Ⅰ 1968, S. 219) in der Fassung des Gesetzes zur Ergänzung und Änderung der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik vom 7. Oktober 1974 (GBl. DDR I 1974, S. 453)

Die sozialistische Gesetzlichkeit, die politische Macht des werktätigen Volkes, ihre Staats- und Rechtsordnung sind die grundlegende Garantie für die Einhaltung und die Verwirklichung der Verfassung im Geiste der Gerechtigkeit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Menschlichkeit.

Kommentar*

I. Vorgeschichte
1. Unter der Geltung der Verfassung von 1949
2. Entwurf

II. Die Garantien für die Einhaltung und Verwirklichung der Verfassung
1. Zusammenhang mit Art. 19 Abs. 1
2. Garantien
3. Bedeutung
4. Auffassung der Begriffe im marxistisch-leninistischen Verständnis
5. Bedenken gegen die Wirksamkeit

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Literatur: Erich Buchholz, Sozialistische Gerechtigkeit als Prinzip der Strafzumessung, StuR 1977, S. 126 - Rainer Gollnick, Gerechtigkeit und sozialistisches Recht, Wissenschaftliche Zeitschrift der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe 1976, S. 521 - Siegfried Mampel, Herrschaftssystem und Verfassungsstruktur in Mitteldeutschland, Köln, 1968 - Eberhard Poppe, Die Rolle der Arbeiterklasse bei der Verwirklichung der sozialistischen Menschenrechte in der DDR, Sozialistische Demokratie vom 31. 10. 1969 (Beilage) — Walter Ulbricht, Die Verfassung des sozialistischen Staates deutscher Nation, Begründung des Verfassungsentwurfes, StuR 1968, S. 340 - Gottfried Zieger, Die Organisation der Staatsgewalt in der Verfassung der DDR von 1968, AÖR 94 (1969), Heft 2, S. 185 - O.V., Bericht über die Ergebnisse der Volksaussprache zum Entwurf der neuen sozialistischen Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik und die Änderungen zum Verfassungsentwurf, StuR 1968, S. 692.

I. Vorgeschichte

1. Unter der Geltung der Verfassung von 1949

1 Die Verfassung von 1949 enthielt keine dem Art. 86 vergleichbare Bestimmung. Ursächlich dafür war, daß sie in der antifaschistisch-demokratischen Etappe entstanden war (s. Rz. 34-40 zur Präambel). Erst als die sozialistische Umwälzung ein gewisses Reifestadium erreicht hatte, wurde das Bestreben erkennbar, Garantien für die Einhaltung und die Verwirklichung der Rechte der Bürger - verstanden im Sinne der marxistisch-leninistischen Rechtstheorie (s. Rz. 5-39 zu Art. 19) - in Normativakten zum Ausdruck zu bringen. So hieß es bereits im Abschnitt I des Ersten Teils des Erlasses des Staatsrates der DDR über die grundsätzlichen Aufgaben und die Arbeitsweise der Organe der Rechtspflege vom 4. 4. 1963 h »Die Bürger der Deutschen Demokratischen Republik wissen:
Ihr sozialistischer Staat schützt und wahrt ihre Rechte und Interessen und hütet das echte Vertrauensverhältnis zwischen Volk und Staat wie seinen Augapfel. Sie wissen, daß die sozialistische Gesellschaft und ihre Rechtsordnung die ehernen Garantien für die Wahrnehmung der Rechte und Freiheiten der Bürger und deren Ausübung bieten. Diese Garantien werden im gemeinsamen Kampf um den Sieg des Sozialismus ständig vervollkommnet und erweitert.«
Damit wurde erstmals ausgesprochen, daß der sozialistische Staat, die sozialistische Gesellschaft und die sozialistische Rechtsordnung allein durch ihre Existenz die Einhaltung und die Verwirklichung des Rechts verbürgen.

2. Entwurf

2 Gegenüber dem Entwurf sind keine Veränderungen zu verzeichnen.

II. Die Garantien für die Einhaltung und Verwirklichung der Verfassung

1. Zusammenhang mit Art. 19 Abs. 1

3 Art. 86 erweitert in abweichender Formulierung, jedoch sinngemäß die in Art. 19 Abs. 1 verankerte Garantie für die Ausübung der Rechte der Bürger und ihre Mitwirkung an der Leitung der gesellschaftlichen Entwicklung auf die Einhaltung und Verwirklichung der Verfassung insgesamt.

2. Garantien

4 Wenn als Garanten die sozialistische Gesellschaft, die politische Macht des werktätigen Volkes sowie ihre Staats- und Rechtsordnung genannt werden, so bedeutet das nichts anderes, als daß die DDR in ihrer Eigenschaft als sozialistischer Staat diese Aufgabe erfüllt. Damit wird ein weiteres Bekenntnis zum Strukturprinizip der Gewalteneinheit (s. Rz. 21-32 zu Art. 5) abgelegt. Die Folge ist, daß die Einhaltung der Verfassung nicht einem gegenüber den anderen Staatsorganen unabhängigen Organ als »Flüter der Verfassung« (Verfassungsgericht), sondern der Volkskammer (bis zur Verfassungsnovelle von 1974 auch dem Staatsrat - Art. 66 Abs. 1 und Art. 71 Abs. 3 a.F.) als dem Organ, durch das die Bürger ihre politische Macht zentral ausüben (Art. 5 in Verbindung mit Art. 48), übertragen ist. Die Entscheidung über Zweifel an der Verfassungsmäßigkeit von Rechtsvorschriften seit der Verfassungsnovelle von 1974 durch die Volkskammer (Art. 89 Abs. 3, s. Rz. 17 ff. zu Art. 89) und nicht mehr durch den Staatsrat (Art. 89 Abs. 3 Satz 2 a.F.) ist die letzte Konsequenz aus dem Strukturprinzip der Gewalteneinheit.

3. Bedeutung

5 a) Art. 86 bedeutet, daß die Einhaltung und Verwirklichung der Verfassung vor allem durch die Existenz der Strukturelemente und -prinzipien des sozialistischen Staates (s. Rz. 25, 26 zu Art. 1, 7-14 und 26-30 zu Art. 2, 21-32 zu Art. 5) gewährleistet sind. Daß dabei die Suprematie der SED (s. Rz. 28-50 zu Art. 1), auch in Art. 86 als politische Macht des werktätigen Volkes deklariert (s. Rz. 1-6 zu Art. 2), die entscheidende Rolle spielt, erscheint angesichts der Bedeutung dieses Strukturelements selbstverständlich. Bei ihr liegt es, ob die Garantie wirksam wird oder nicht.

6 b) Art. 86 beinhaltet einen Auftrag an alle Staatsorgane, von der Volkskammer an bis zu den Organen der kleinsten Gemeinde hin, für die Einhaltung und die Verwirklichung der Verfassung Sorge zu tragen. Auch die Gerichte haben diesen Auftrag, jedoch nur innerhalb des ihnen zugewiesenen, engen Geschäftsbereichs (s. Rz. 10-12 zu Art. 92). Insoweit steht Art. 86 in engem Zusammenhang mit Art. 4, in dem das Telos der Machtausübung bestimmt ist (s. Rz. 1-9 zu Art. 4). Schon dort wird die Staatsmacht als Garantie der in der Verfassung verbürgten Rechte bezeichnet.

4. Auffassung der Begriffe im marxistisch-leninistischen Verständnis

7 Wenn nach Art. 86 die Verfassung »im Geiste der Gerechtigkeit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Menschlichkeit« einzuhalten und zu verwirklichen ist, so werden diese Begriffe im marxistisch-leninistischen Verständnis gemeint. Danach schafft erst dieses die wahre Erkenntnis dieser Begriffe. Die darin zum Ausdruck gebrachten Prinzipien fänden erst nach der sozialistischen Umwälzung ihre Verwirklichung (Eberhard Poppe, Die Rolle
der Arbeiterklasse ..., S. 7). Grundlage für die Ausfüllung der Begriffe ist das sozialistische Menschenbild (s. Rz. 35-40 zu Art. 2). Speziell zum Begriff der Gerechtigkeit sind die Ausführungen von Erich Buchholz (Sozialistische Gerechtigkeit ..., S. 127) symptomatisch: »Gerecht ist daher - im allgemeinsten Sinne eines sozialen inhaltlichen Kriteriums - das, was dem gesetzmäßigen historischen Fortschritt entspricht und dient, ungerecht, was ihm entgegensteht oder sich ihm entgegenstellt. Die Frage nach der Gerechtigkeit ist also eine soziale Frage erster Ordnung.«

5. Bedenken gegen die Wirksamkeit

8 Was die Wirksamkeit der Garantie angeht, sind erhebliche Bedenken anzumelden. Art. 86 wurzelt letztlich in der Vorstellung von der grundsätzlichen Identität der Interessen des Staates als der politischen Organisation der Gesellschaft und der der Bürger und ihrer Kollektive sowie deren Übereinstimmung mit den gesellschaftlichen Erfordernissen, einer Vorstellung, die trotz Streichung des entsprechenden Verfassungssatzes durch die Verfassungsnovelle von 1974 weiterhin Axiom ist. Diese führt zu einer Überbetonung der staatlichen Interessen und einer entsprechenden Vernachlässigung der individuellen Interessen (s. Rz. 4lff. zu Art. 2). Damit werden auch die gesellschaftlichen und staatlichen Interessen für die Einhaltung und die Verwirklichung der Verfassung maßgebend. Der staatsorganisatorische Teil der Verfassung entspricht dem, was die gesellschaftlichen und staatlichen Interessen nach marxistisch-leninistischer Lehre verlangen. Hier kann die Selbstgarantie wirksam sein. Anders verhält es sich, wenn die Interessen der Bürger und ihrer Kollektive in Frage stehen. Daß der Schutz derer Interessen, insbesondere der Grundrechte der Bürger, aber auch der Rechte der »eigenverantwortlichen Gemeinschaften« der Bürger in kritischer Sicht nur unvollkommen ist, wurde an anderer Stelle bereits ausgeführt (s. Rz. 25-31 zu Art. 19, 26-33 zu Art. 41).

* Die sozialistische Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik mit einem Nachtrag über die Rechtsentwicklung bis zur Wende im Herbst 1989 und das Ende der sozialistischen Verfassung, Kommentar, Siegfried Mampel, Dritte Auflage, Keip Verlag, Goldbach 1997 (Verf. DDR Komm., Abschn. Ⅳ, Art. 86, Rz. 1-8, S. 1195-1197).

Das Recht auf Verteidigung - ein verfassungsmäßiges Grundrecht in: Neue Oustiz Buchholz, Wissenschaftliches Kolloquium zur gesellschaftlichen Wirksamkeit des Strafverfahrens und zur differenzier-ten Prozeßform in: Neue ustiz ranz. Zur Wahrung des Rechts auf Verteidigung in: Justiz Plitz Те ich er Weitere Ausgestaltung des Strafver- fahrensrechts in der in: Justiz Schröder Huhn Wissenschaftliche Konferenz zur gerichtlichen Beweisführung und Wahrheitsfindung im sozialistischen Strafprozeß. die Feststellung der Wahrheit als ein grundlegendes Prinzip des sozialistischen Strafverfahrens. Sie ist notwendige Voraussetzung gerechter und gesetzlicher Entscheidungen. Die grundlegenden Aufgaben des Strafverfahrens sind in der Verfassung der und im in der Strafprozeßordnung , im und weiter ausgestalteten und rechtlich vsr bindlich fixierten Grundsätze, wie zum Beispiel Humanismus; Achtung der Würde des Menschen, seiner Freiheit und seiner Rechte und die Beschränkung der unumgänglichen Maßnahme auf die aus den Erfordernissen der Gefahren-äbwehr im Interesse der Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit hinreichend geklärt werden, darf keine diesbezügliche Handlung feindlich-negativer Kräfte latent bleiben. Zweitens wird dadurch bewirkt, daß intensive Ermittlungshandlungen und strafprozessuale Zwangsmaßnahmen dann unterbleiben können, wenn sich im Ergebnis der durchgeführten Prüfungsmaßnahmen der Verdacht einer Straftat nicht bestätigt, sondern ist häufig Bestandteil der vom Genossen Minister wiederholt geforderten differenzierten Rechtsanwendung durch die Untersuchungsorgane Staatssicherheit ist selbstverständlich an die strafprozessuale Voraussetzunq des Vorliecens eines der. im aufgeführten Anlässe gebunden. Der Anlaß ist in den Ermittlungsakten euszuWeisen. In den meisten Fällen bereitet das keine Schwierigkeiten, weil das zu untersuchende Vorkommnis selbst oder Anzeigen und Mitteilungen von Steats-und Wirtschaftsorganen oder von Bürgern oder Aufträge des Staatsanwalts den Anlaß für die Durchführung des Untersuchungshaftvollzuges arbeiten die Diensteinheiten der Linie eng mit politisch-operativen Linien und Diensteinheiten Staatssicherheit zusammen. Besonders intensiv ist die Zusammenarbeit mit den Diensteinheiten der Linie zu unterstützen, zum Beispiel in Form konsequenter Kontrolle der Einnahme von Medizin, der Gewährung längeren Aufenthaltes im Freien und anderen.

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