Die UHA des Ministeriums für Staatssicherheit / MfS in der Deutschen Demokratischen Republik / DDR / der Bezirksverwaltung / BV / Potsdam .




Das im Volksmund „Lindenhotel“ genannte ehemalige Untersuchungsgefängnis der Stasi in Potsdam hat eine lange Geschichte. Es wurde nach seiner Fertigstellung im Jahr  1737 als „Großes Holländisches Haus“ im Auftrag Friedrich Willhelm I von Preußen als Stadtpalais für den Kommandeur der Leibgarde des Königs gebaut. Ab der napoleonischen Besatzung wurde das Gebäude für unterschiedliche Zwecke genutzt. Ab 1837 diente es als Gerichtsgebäude mit angegliederter Haftanstalt.
Unter den Nationalsozialisten hatte das sogenannte „Erbgesundheitsgericht“ seinen Sitz in der Lindenstraße. Hier wurden richterliche Entscheidungen zur Zwangssterilisation von Frauen getroffen. Ab 1939 war die Lindenstraße ein Untersuchungsgefängnis für politische Häftlinge. Hier saßen vor allem Widerstandskämpfer ein, nachdem der Volksgerichtshof von Berlin nach Potsdam verlegt wurde. Mit der Potsdamer Konferenz 1945 wurde das Gebäude von der sowjetischen Besatzungsmacht beschlagnahmt und fortan als zentrales sowjetisches Geheimdienst-Untersuchungsgefängnis des NKWD genutzt, später wurde sie dem MfS übergeben, der von nun an die Leitung übernahm. Die Lindenstraße wurde 1958 auf Geheiß der SED in „Otto-Nuschke-Straße“ umbenannt, dem stellvertretenden Ministerpräsidenten der DDR. Nach der Wiedervereinigung wurde sie wieder in „Lindenstraße“ umbenannt und heißt bis heute so. Auf dem Gelände befindet sich heute eine Gedenkstätte die den Opfern politischer Verfolgung erinnert. Der Name „Lindenhotel“ geht zurück auf ehemalige Häftlinge der UHA Potsdam, die die Haftanstalten nach Hotelstandarts kategorisierten.
Problematisch für die Erforschung des „Lindenhotels“ ist, dass Ende des Jahres 1989 ein Großteil der Gefängnisunterlagen vernichtet wurde. Laut Schnell deutet dies darauf hin, dass das MfS versuchte, die Erinnerung an die Verbrechen im „Lindenhotel“ auszulöschen und der Forschung unzugänglich zu machen.1 Zeitzeugeninterviews bekamen daher nach 1989 eine hervorgehobene Bedeutung für die Erforschung der Haftbedingungen in Potsdam, so die Koordinatorin der Gedenkstätte.2


1 Vgl. Hertle, Hans-Hermann, Schnell, Gabriele, Stasi-Untersuchungsgefängnis für den Bezirk Potsdam (1952-1989), in: Schnell, Gabriele, Das Lindenhotel, Berichte aus dem Potsdamer Geheimdienstgefängnis, Berlin, 2009,  S. 175.
2 Vgl. Wölbern Jan Philipp, Tagungsbericht zum Workshop „Stasi-Untersuchungshaft – Forschung und Gedenken“ in der Gedenkstätte Lindenstraße 54/55 in Potsdam, 27./28. Oktober 2010, S. 7.









Mit der Potsdamer Konferenz 1945 wurde das Gebäude von der sowjetischen Besatzungsmacht beschlagnahmt und fortan als zentrales sowjetisches Geheimdienst-Untersuchungsgefängnis genutzt. Sieben Jahre lang war die Haftanstalt dem russischen Geheimdienst NKWD unterstellt. Unklar bleibt bis heute, wie viele Menschen in den Jahren 1945-1952 im Geheimdienstgefängnis inhaftiert waren. Schätzungen gehen von 3000-5000 Personen aus.1 Zudem ist bisher unklar, wegen welcher Delikte vor allem Jugendliche im „Lindenhotel“ eingesperrt wurden. Bisher lässt sich aus Befragungen und Zeugenaussagen der damaligen Zeit sagen, dass zahlreiche Jugendliche wegen vermeintlicher „Werwolftätigkeiten“ festgenommen wurden.2 (Die sogenannten „Werwölfe“ wurden 1944 von Heinrich Himmler als Untergrund- und Freischärlergruppe gegründet, mit dem Ziel, Sabotageakte gegen die Alliierten und terroristische Aktionen gegen Kollaborateure und Alliierte zu verüben.) Es sind allerdings für den gesamten sowjetischen Besatzungsraum keinerlei derartige Terror- und Sabotageakte vermerkt worden, was darauf hindeutet, dass die Verhaftungen auf Willkür und teilweise falsche Beschuldigungen aus der Bevölkerung zurückzuführen sind. Des weiteren wurden zahlreiche Personen verhaftet, denen Westkontakte nachgesagt wurden. Derartige Verbindungen wurden in den meisten Fällen als „Spionagetätigkeit“ ausgelegt. Auch Verbindungen zu den Parteibüros der SPD oder CDU konnten zu Verhaftungen führen. Bevor es allerdings zu den Verhaftungen kam, wurden meistens die beschuldigten Personen wegen vermeintlichen oder tatsächlichen Straftaten denunziert.

Für den Zeitraum zwischen 1950 und 1952 konnten beinahe 100 Todesurteile offen gelegt werden. Diese wurden vom SMT 48240, zuständig für das Land Brandenburg, verhängt. Urteile von bis zu zehn Jahren Haft galten als milde Strafen und kamen seltener zum Einsatz. Häufig wurden Urteile gefällt, bei denen sich das Strafmaß zwischen 20 und 25 Jahren bewegte. Viele Häftlinge starben auch durch die Strapazen in den sowjetischen Speziallagern in Deutschland (bspw. Buchenwald und Sachsenhausen) oder in Strafarbeitslagern in der Sowjetunion.3

Bis 1950 führten die Verhaftungen die deutsche Polizeieinheit „K5“ aus, ab 1950 die Stasi.4 Die „K5“ war Teil des 1948 gegründeten Nachrichtendienstes „Hauptverwaltung zum Schutze der Volkswirtschaft“ der inkorporiert war in die „Deutsche Verwaltung des Innern“, einer vor allem mit Polizeiarbeit betrauten Organisation. Die K-Abteilungen der Behörde waren der Kriminalpolizei zugehörig, "K5" das Referat, dass sich ursprünglich mit Jugendkriminalität befasste. 1947 wurde allerdings eine neue K5-Einheit durch Erich Mielke ins Leben gerufen, die fortan als politische Polizei der SBZ agierte und vor allem für ein schnelles Voranschreiten der Entnazifizierung verantwortlich sein sollte.5 Die Mitarbeiter der "K5" waren mit Exekutivkompetenzen ausgestattet und konnten selbst Anklageschriften ohne zugehörigen Staatsanwalt aufsetzen. Die Gründung der "K5" gilt als Grundvoraussetzung für die politische Polizei in der DDR. Leiter der Abteilung war bis 1948 Ernst Lange, sein Nachfolger war Erich Jamin.  Wie bereits erwähnt sollte die Einheit vor allem die Entnazifizierung voran bringen, nicht selten aber wurden auch politische Gegner der Sowjetpolitik, Trotzkisten oder sonstige Oppositionelle verhaftet. Die  durch die "K5" festgenommenen Personen wurden anschließend dem sowjetischen Geheimdienst ausgeliefert.

Am 18. August 1952 wurde das sowjetische Geheimdienst-Untersuchungsgefängnis dem MfS übergeben. Fortan lag die Betreuung und Befehligung der Haftanstalt in den Händen der DDR. Die Untersuchungshaftanstalten des MfS gelten als Orte der Repression. Ehemalige Häftlinge berichteten von Isolation und Misshandlung durch das MfS. Die Grundprinzipien der MfS-Untersuchungshaft (Isolation, Desinformation und Überwachung) galten auch in Potsdam. Damit sollten die Häftlinge eingeschüchtert und seelisch gebrochen werden. Gleichzeitig sollte damit auch eine abschreckende Wirkung gegenüber anderen Häftlingen und Personen erzielt werden.


1 Vgl. Schnell, Gabriele, Das Lindenhotel, Berichte aus dem Potsdamer Geheimdienstgefängnis, Berlin, 2009,  S. 172.
2 Vgl. ebd.
3 Vgl. ebd. S. 174.
4 Vgl. ebd. S. 173.
5
Vgl. Engelmann, Roger u.a. (Hrsg.), Das MfS-Lexikon, Begriffe, Personen und Struktur der Staatssicherheit der DDR, Berlin, 2012, S. 188.





Ungewöhnlich an der Haftanstalt Potsdam ist, dass sie zentral in der Innenstadt liegt und nicht wie in den meisten anderen Fällen der UHA, am Rande der Stadt, neben der eigentlichen Bezirksverwaltung. Das „Holländische Haus“, das  im Jahr  1737 von Friedrich Wilhelm I erbaut wurde, ist bis heute in seiner barocken Bausubstanz weitestgehend erhalten.1
Das Gefängnis selbst war bis in die 60er Jahre noch weitestgehend so geblieben, wie die Sowjets es 1945 übernommen hatten. Allerdings wurden bereits ab 1952 kleinere bauliche Veränderungen vorgenommen. In den 50er Jahren befand sich in jeder Zelle eine Holzpritsche, die sich nahezu über die gesamte Breite des Raumes erstreckte und mehr als die Hälfte des Raumes einnahm. Tagsüber saß der Häftling auf einem Schemel ohne Rückenlehne. Ein Notdurftkübel gehörte ebenfalls zum Inventar, weshalb es in den Zellen häufig erbärmlich stank, weil der Deckel durch die Gasbildung nicht kontinuierlich geschlossen gehalten werden konnte.2 Die Ausstattung der Zellen war spartanisch. Ab den 60er Jahren wurde die riesige Holzpritsche durch zwei einzelne ersetzt, ab Mitte der 70er Jahre wurden Waschbecken und WCs eingebaut. Zudem war ein Hocker ohne Tisch sowie ein Wandbrett in den Zellen erlaubt.
Die Zellen hatten normale Fensterflügel, die allerdings mit einer Blende abgedichtet waren, sodass der Häftling keine freie Sicht nach draußen hatte. Mit den baulichen Veränderungen in den 60er Jahren wurden Glasbausteine anstatt der Festerblenden eingesetzt. Auch diese verhinderten einen klaren Blick nach draußen. Die Veränderung der Zellenfenster wurde vermutlich deshalb durchgesetzt, um Suizidversuche von Häftlingen einzudämmen.3  Mit dem Einbau der Glasbausteine wurde auch eine Art „Belüftungssystem“ in Form eines schmalen Spalts eingebaut, der für eine Frischluftzirkulation sorgen sollte, was allerdings nur mäßig gelang. Der ehemalige Häftling Dieter Drewitz schreibt bezüglich des Luftaustauschs in den Zellen folgendes: „Das Zellenfenster war mit Glasbausteinen zugemauert, in doppelter Schicht, mit Ausnahme zweier kleiner Flächen links oben und rechts unten, die den Luftaustausch gewähren sollten. Aber das brachte nichts, weil ein Luftaustausch auf diese Weise nur funktionieren kann, wenn der Temperaturunterschied zwischen draußen und drinnen groß ist. Im Sommer drang so gut wie keine Frischluft in die Zelle, im Winter, wenn es ohnehin schon ziemlich kalt war, zog es wie verrückt (…).“ Da die Zellen also nur geringfügig mit frischer Luft versorgt wurden, errichtete die Gefängnisleitung eine mit Maschendraht überspannte Freigangzellen, in denen jeder Häftling einmal am Tag für eine halbe Stunde spazieren beziehungsweise sich bewegen konnte. Insgesamt vier Freigangzellen können nachgewiesen werden. Zeitgleich wurde vermutlich auch der Schuppen auf dem Hof errichtet, der als Garage und Depot für einen Notstromaggregaten diente.5


1 Vgl. baugeschichte.a.tu-berlin.de/bg/lehre/schaare-diplom.pdf
2 Vgl. Hertle, Hans Hermann, Schnell, Gabriele, Stasi-Untersuchungsgefängnis für den Bezirk Potsdam (1952-1989), in: Schnell, Gabriele, Das Lindenhotel, Berichte aus dem Potsdamer Geheimdienstgefängnis, Berlin, 2009.
3
Vgl. ebd. S. 176.
4
Vgl. Derwitz, Dieter, Kennwort Alpenveilchen, in: Schnell, Gabriele, Das „Lindenhotel“, S. 94.
5
Vgl. Hertle, Hans Hermann, Schnell, Gabriele, S. 176.





In den 60er Jahren wurden des weiteren eine Werkstatt für Häftlinge und eine Wäscherei mit Nähstube für das Frauengefängnis errichtet. Die Räumlichkeiten befanden sich im Keller des Gebäudes. Auch eine Bibliothek, die sich im zweiten Stock des Gebäudes befand und vor allem mit kommunistischer und antifaschistischer Literatur bestückt war, gehörte zum Gefängnis. Die Häftlinge konnten sich auf Wunsch und bei „angemessenem Verhalten“ Bücher in die Zellen bestellen. Zudem gab es im Gefängnis eine Tischlerei und Schlosserei, in denen Arbeiten für andere Abteilungen der Bezirksverwaltung Potsdam erledigt wurden.1
Die sogenannte „Strafzelle“ diente dazu, aufmüpfige Häftlinge, die gegen die Hausordnung verstoßen hatten, zurecht zu weisen. Das bedeutete in der Regel für den Häftling mehrere Tage völliger Isolation in absoluter Dunkelheit ausgeliefert zu sein. Die „Strafzelle“ wurde von den Häftlingen auch als Tigerkäfig bezeichnet, weil Aufenthalts- und Sanitärbereich durch ein Gitter voneinander getrennt waren.2
Eine „Fotozelle“ diente dazu, die Häftlinge nach ihrer Inhaftierung erkennungsdienstlich zu behandeln. An den Wänden der Gefängnisflure war eine Lichtanlage befestigt, die dazu diente, das völlige Isolationsgefühl der Häftlinge noch zu verstärken. Die Lichtanlage sorgte dafür, dass Gefängniswärter sie sobald sie einen Häftling von A nach B transportierten, einschalteten konnten und es damit ausgeschlossen war, dass sich Häftlinge, auch in Begleitung mit ihren Wärtern, in den Fluren begegneten. So hatte der Häftling teilweise das Gefühl, er sei, außer mit seinen Wärtern, allein in diesem riesig großen Gefängniskomplex, der 2000 Quadratmeter umfasste. Zugleich wurde damit einer möglichen Kommunikation zwischen Häftlingen vorgebeugt. Als weitere Sicherheitsvorkehrung wurde eine Alarmanlage an der Wand angebracht, die durch eine Reißleine zu betätigen war. Wehrte sich ein Häftling gegenüber seinem Wärter oder es kam zu anderen teilweise gewalttätigen Auseinandersetzungen, riss der Wärter an der Leine und war damit direkt mit dem Dienstzimmer der Abteilung XIV verbunden. Bis in die 70er Jahre waren die Flure zudem mit großen Spiegeln ausgestattet, die im Laufe der Jahre aber durch Kameras ersetzt wurden. Somit konnten auch für die Wärter schwer einsehbare Bereiche deutlich erkennbar werden.3


1Vgl. Beleites, Johannes, Handbuch MfS, Abteilung XIV, BStU (Hrsg.), Berlin, 2009, S. 57ff.
2
Vgl. Hertle, Heinz-Hermann, Schnell Gabriele, Das Lindenhotel, Berichte aus dem Potsdamer Geheimdienstgefängnis, Berlin, 2009.
S. 177.
3
Vgl. ebd.





Zu den Haftbedingungen zwischen 1945 und 1952 ist bisher wenig bekannt. Die Zellen, in denen zumeist vier bis sieben Personen festgehalten wurden, waren nur wenige Quadratmeter groß und beinhalteten neben einer Schlafpritsche noch einen Notdurftkübel. Häufig wurden die Häftlinge von ihren Vernehmern verprügelt, litten an Schlaf- und Nahrungsmittelentzug und wurden zu Geständnissen erpresst.  Durch die nächtlichen Verhöre waren die Gefangenen sehr geschwächt und übermüdet, tagsüber zu schlafen war streng verboten. Herbert Paulmann schreibt über seine Haftzeit: „In den folgenden Wochen und Monaten wurde ich immer wieder verhört. Immer wieder wollten sie wissen, was ich für die Amerikaner ausspioniert und wer mir die Aufträge erteilt hätte. (…) Die Verhöre zogen sich stets stundenlang hin. Sie begannen fast immer abends, ich wurde aus der Zelle geholt, ohne das bisschen Abendbrot zu bekommen, obwohl der Hunger rießengroß war.“1  Paulmann beschreibt im folgenden, wie Schlägertrupps, die sogenannten „Stalin-Läufer“, ihn zwischen und nach den Verhören verprügelten und misshandelten.2  In den 50er Jahren mussten die Häftlinge oft tagelang ohne ausreichend Nahrung und kaum bekleidet in der kalten Zelle ausharren.3 Herbert Paulmann wurde 1946 im „Tigerkäfig“ eingesperrt. Ziel war es, seinen Willen zu brechen. Der Polizist wurde vom NKWD der amerikanischen Spionage verdächtigt und sollte nach einem halben Jahr Haft endlich ein Geständnis ablegen, wozu er sich aber strikt weigerte. „Eines Tages schaffte sie mich in den ersten Stock, in die sogenannte Tigerzelle. Das war eine Zelle, die von der Türe bis zum Fenster mit einem Stahlgitter getrennt war. Durch das offene Fenster herrschte Eiseskälte in dieser Zelle, auf dem Boden lagen noch die gefrorenen Exkremente meines Vorgängers. Vor der Tür musste ich mich nackt ausziehen und drinnen wurden meine Hände mit Handschellen an das Gitter gefesselt.“4 Nach vielen erniedrigenden und menschenverachtenden Prozeduren, die an Paulmann ausgeführt wurden, gestand er schließlich, amerikanischer Spion gewesen zu sein, wohl wissend, dass dies nicht der Fall war. Er wurde vor einem sowjetischen Militärtribunal zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt.5 Die gesetzliche Grundlage für die Verhaftungen und auch die später folgenden Urteile bildete das sowjetische Strafgesetzbuch, vor allem der Staatsschutzparagraph 58. Er definierte genau, wer als „Feind der Arbeiterklasse“ zu definieren war. Insgesamt hatte der Staatsschutzparagraph 58 14 Absätze. Diese regelten unter anderem „gegenrevolutionäre Sabotage“ (Abs. 14), „Propaganda oder Agitation, die zu Sturz, Unterhöhlung oder Schwächung der Sowjetherrschaft oder zur Begehung einzelner gegenrevolutionärer Verbrechen (...) auffordern (Abs.10)“, „Spionage (Abs. 6)“ sowie „gegenrevolutionäre Verbrechen“ (Abs.1).6 


1 Paulmann, Herbert, Merken Sie sich eines: Macht geht vor Recht, in: Schnell, Gabriele, Stasi-Untersuchungsgefängnis für den Bezirk Potsdam (1952-1989), in: Schnell, Gabriele, Das Lindenhotel, Berichte aus dem Potsdamer Geheimdienstgefängnis, Berlin, 2009 S. 22.
2 Vgl. ebd.
3 Vgl. ebd.
4 Ebd. S. 23.
5 Vgl. ebd. S. 26.
6 Artikel 58 des Strafgesetzbuches der UdSSR.





Zirka 6900 Personen wurden in den Jahren 1952-1989 in Potsdam verhaftet, darunter waren zirka 900 Frauen.1  Mehr als zwei drittel waren unter 30 Jahre alt, die größte Berufsgruppe der Häftlinge waren Arbeiter. Neben den Untersuchungshäftlingen gab es noch ein Strafgefangenenarbeitskommando für Werterhaltung und Versorgungsarbeiten.2 Die Untersuchungshäftlinge waren vor allem politisch missliebige Personen, Oppositionelle, „Republikflüchtlinge“ und vermeintliche Rowdies. Nur ein Prozent wurde wegen krimineller Delikte in Potsdam inhaftiert. „Zwischen 1952 und 1988 wurden knapp 2.000 Menschen auf Grund von Fluchtdelikten verhaftet, mehr als 1.600 unter dem Vorwurf der „Spionage“, 900 der „staatsfeindlichen Hetze“ beschuldigt. Mit dem Mauerbau 1961 ging ein Wechsel der Deliktvorwürfe einher. Wurde der überwiegende Teil der Häftlinge zwischen 1952 bis 1961 dem Vorwurf der „Spionage“ ausgesetzt, waren zwischen 1961 und 1988 Fluchtdelikte die häufigsten Haftgründe.“3 Fluchtdelikte fielen unter den Paragraphen 213 des Strafgesetzbuchs der DDR und schrieben bei einer Verurteilung eine Haftstrafe von bis zu zwei Jahren oder Geldstrafen vor. Allein in den Monaten Januar bis Oktober 1989 wurden 330 Ermittlungsverfahren auf Grundlage des Paragraphen 213 eingeleitet.4 Insgesamt verfügte das Gefängnis über 40 Zellen was eine Kapazität von 90 bis 110 Personen umfasste. 1984 waren insgesamt 53 Personen, 1982 30 Personen in Potsdam inhaftiert.5  Die Größe der Zellen betrug zirka 3,5 Quadratmeter. Nach der Festnahme blieben die Gefangenen in der Regel mehrere Wochen und Monate allein in ihrer Zelle eingesperrt, erst nach Beendigung der Verhöre durch das MfS wurden die Häftlinge in sogenannte „Verwahrräume“ (Zweibett-Zellen), verlegt. Die durchschnittliche Größe der Verwahrzellen lag bei sieben Quadratmetern. An den Zellentüren befanden sich Spione, die die ständige Überwachung der Häftlinge gewährleisteten. Bei Nichteinhaltung der Schlafposition (auf dem Rücken liegend, Blick zur Türe und Hände auf der Bettdecke) konnte so der Häftling durch brutalen Lärm an der Tür vom Wärter wieder in die richtige Liegeposition gebracht werden. Dies hatte zudem den Sinn, die Häftlinge in ihrer Schlafphase zu stören um sie völlig übermüdet den Verhören auszusetzen, um so schneller an gewünschte Geständnisse oder andere Informationen zu gelangen.  Die Tageskontrollen an den Zelltüren fanden in fünfminütigem, die Nachtkontrollen in 15-minütigen Rhythmen statt.6 An der Zellentür war eine große Klappe angebracht, die als Durchreiche für die Mahlzeiten diente. Die Zellen der Untersuchungshäftlinge unterschieden sich deutlich von den insgesamt ein Prozent, die als Strafgefangene in Potsdam einsaßen. Im Durchschnitt waren jeweils zehn Männer (vor allem wegen Mordes) und zehn Frauen (wegen „asozialem Verhalten“) als Strafgefangene  in Potsdam inhaftiert. Die Häftlinge mussten einer Arbeitstätigkeit nachgehen und hatten damit die Möglichkeit, sich ein kleines Zubrot zu verdienen. Diese Möglichkeit blieb den Untersuchungshäftlingen verwehrt. Die Freizeit wurde in extra dafür eingerichteten Räumlichkeiten verbracht, mit Fernsehgeräten, Sesseln, Büchern und Pflanzen – also insgesamt in einem wohnlichen Ambiente. Von 1971 bis 1988 waren insgesamt 2819 Personen in der UHA Potsdam eingesperrt.7 Bei der Aufnahme in die UHA musste der Häftling unterschiedliche erkennungsdienstliche und medizinische Untersuchungen über sich ergehen lassen. So wurde eine Leibesvisitation an ihm vorgenommen, er wurde erkennungsdienstlich behandelt (Fingerabdrücke, Passbildaufnahmen) und ärztlich untersucht. Die Direktive 1/86  von Erich Mielke, legte zudem genau Rechte und Pflichten der Häftlinge fest. Um wie bereits oben beschrieben, die Isolation der Verhafteten zu verstärken, wurde ihnen oftmals wochenlang verschwiegen, wo sie sich eigentlich befinden. Auf dem Weg zu den Verhörräumen oder auch in die Freigangzellen mussten die Häftlinge stets den Kopf nach unten senken. Im folgenden wird der Tagesablauf der Haftanstalt zitiert:„Für die Durchführung der Hausordnung gelten folgende Zeiten:a) Wecken um 5.00 Uhrb) Reinigung der Zellen, Waschen (Männer: Oberkörper frei)c) Morgenverpflegung von 6.00 – 7.00 Uhrd) Mittagsverpflegung 12.30 Uhre) Abendverpflegung um 17.00 Uhrf) Einschluss um 21.00 Uhr“ Ob ein Gefangener Besuch erhalten durfte, entschied formell der Staatsanwalt. Die tatsächliche Entscheidung wurde allerdings vom zuständigen Vernehmungsoffizier gefällt. Höchstens 30 Minuten dauerte die Besuchszeit, dabei war Körperkontakt streng verboten. Auch durfte nicht über die Haftzeit oder die Haftursache gesprochen werden.


1 Vgl. Fördergemeinschaft „Lindenstraße 54“.
2 Vgl. Beleites, Johannes, Abteilung XIV: Haftvollzug (MfS Handbuch), Hrsg. BstU, Berlin, 2009, S. 60.
3 Vgl. Fördergemeinschaft „Lindenstraße 54“.
4 Vgl. Wittenberg, Hannes, Horch und Guck, 32/2000.
5 Beleites, Johannes, Abteilung XIV, S. 60.
6 Paulmann, Herbert, Merken Sie sich eines: Macht geht vor Recht, in: Schnell, Gabriele, Stasi- Untersuchungsgefängnis für den Bezirk Potsdam (1952-1989), in: Schnell, Gabriele, Das Lindenhotel, Berichte aus dem Potsdamer Geheimdienstgefängnis, Berlin, 2009 S. 22.
7 Passens, Katrin, MfS-Untersuchungshaft, Funktionen und Entwicklung von 1971 bis 1989, Berlin, 2012, S. 75.





Zum Personal, das in den für die Haft zuständigen Abteilungen IX (Untersuchungsorgan) und XIV (Haftvollzug) beschäftigt war, ist wenig bekannt. In den Jahren 1972-1989 waren zwischen 32 Personen (1973) und 50 Personen (1986; 1988) in der Abteilung XIV angestellt. 1989 waren 49 Personen, davon sechs Frauen in der Abteilung XIV beschäftigt.1 Im Jahr 1987 arbeiteten dort sieben Frauen, was den höchsten Wert weiblicher Mitarbeiter darstellt. Die unteren Mitarbeiter der Abteilung XIV verfügten innerhalb des MfS über geringes Prestige. Ihnen wurde nachgesagt, dass sie für eine andere Arbeit im MfS aus Mangel an Intelligenz nicht in Frage kämen.3  Grund für den Mangel an Anerkennung war die Eintönigkeit dieser Tätigkeit. Vor allem Männer wurden als Mitarbeiter der Wachmannschaft in der UHA  rekrutiert.4 
Die Leiter der BV, die für die Haftanstalt und damit auch für die beiden Abteilungen XIV und IX zuständig waren, waren von 1952-1955 Emil Wagner und von 1955-1963 Rudi Mittig, späterer Stellvertreter Mielkes. In den Jahren 1963-1971 war Julius Michelberger Leiter der BV Potsdam. Ihm folgte zwischen 1971 und 1985 Siegfried Leibholz. Der letzte Leiter der BV war Helmut Schickart.


1 Beleites, Johannes, Handbuch MfS, Abteilung XIV, BStU (Hrsg.), Berlin, 2009, S. 25.
2
Vgl. ebd.
3 Vgl. Bastian, Alexander, Repression, Haft und Geschlecht, Die Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit Magdeburg-Neustadt 1958-1989, Halle/Saale, 2012. S. 251.
4
Vgl. ebd









Der Leiter der für diese Untersuchungshaftanstalt zuständigen Stasi-Bezirksverwaltung in Potsdam waren von 1952 bis 1955 Emil Wagner, von 1955 bis 1963 Rudi Mittig, späterer stv. Minister der Staatssicherheit. Von 1963 bis 1971 dann Julius Michelberger, von 1971 bis 1985 Siegfried Leibholz und von 1985 bis 1989 Helmut Schickart im Rang eines Generalmajors.


Quelle: Jens Gieseke: Wer war wer im Ministerium für Staatssicherheit (MfS-Handbuch), Herausgeber, BStU, Berlin 2012.