Die Untersuchungshaftanstalt (UHA) der Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR an der Umfassungsstraße 76 in Magdeburg-Neustadt.








Die Untersuchungshaftanstalt der Bezirksverwaltung (BV) Magdeburg des Ministeriums für Staatssicherhgeit befand sich von 1958 bis 1989 im Norden der Stadt in Magdeburg-Neustadt in der Umfassungsstraße 76. Das rote Backsteingebäude wurde bereits in den Jahren 1873 bis 1876 errichtet und als königlich-preußisches Amtsgericht mit Stadtgefängnis betrieben. In der Zeit des deutschen Nationalsozialismus wurde das Gefängnis vor allem als "Schutzhaftlager" betrieben.1 Nach Kriegsende übernahm der russische Geheimdienst 1945 das Gefängnis und übergab dieses 1950 an das Ministerium des Innern (MdI), bevor es 1958 vom MfS übernommen wurde. Vor 1958 wurde vom MfS seit Oktober 1950 die UHA der Bezirksverwaltung Magdeburg zur Unterbringung politischer Häftlinge in Magdeburg-Sudenburg betrieben. Diese Haftanstalt war zuvor von Juli 1945 bis Mai 1949 ein sowjetisches Militärgefängnis, in dem sowjetische Soldaten und aus politischen Gründen inhaftierte Deutsche interniert wurden.2 


1 Vgl. Bastian, Alexander, Repression, Haft und Geschlecht, Die Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit Magdeburg-Neustadt 1958-1989, Halle/Saale, 2012, S. 97.
2 Vgl. Beleites, Johannes, Abteilung XIV Haftvollzug, (MfS-Handbuch), Hrsg. BstU Berlin, 2009, S. 61.





Die Haftanlage in Magdeburg-Neustadt wurde wurde 1958 vom Ministerium des Innern (MdI) der DDR an das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) übergeben und bis 1989 als eigene Untersuchungshaftanstalt der Bezirksverwaltung Magdeburg betrieben. Was zuvor in den Jahren zwischen 1945 und 1958 in der Haftanstalt in Neustadt geschehen ist, ist nicht vollständig zu rekonstruieren, da die für eine historische Aufarbeitung notwendigen Unterlagen weitestgehend fehlen. Die Haftanstalt wurde bis 1956 als Justizvollzugsanstalt (JVA), Polizeigefängnis und gleichzeitig als Untersuchungshaftanstalt ausgewiesen.1 Es ist aber bekannt, dass Neustadt bis 1956 unter sowjetischer Leitung stand. Bis 1958 wurde es von der Verwaltung des Strafvollzugs des Ministerium des Innern genutzt.2 Generell ist die ehemalige Haftanstalt in Magdeburg in der Forschung wenig vertreten. Alexander Bastian hat 2010 in seiner Dissertation das Thema erstmals umfassend beleuchtet. Klar ist, dass 1958 beide Gefängnisse zusammengelegt wurden und nur noch eine UHA des MfS in der Umfassungstraße in Magdeburg-Neustadt existierte. Heute befindet sich hier die 1990 gegründete Gedenkstätte Moritzplatz, die an die zahlreichen politischen Verfolgten erinnert.


1 Vgl. Beleites, Johannes, Abteilung XIV Haftvollzug, (MfS-Handbuch), Hrsg. BstU Berlin, 2009, S. 100.
2 Vgl. Vgl. ebd. S. 61.






Die Haftanstalt Magdeburg-Neustadt lag in der Umfassungstraße 76. In den Jahren von 1940 war das Gefängnis von einer Schule sowie mehreren Bauernhöfen umgeben. In dieser Zeit waren 27 Zellen in Benutzung, die für 59 Häftlinge zur Verfügung standen.1 Im Keller des Gebäudes gab es zudem noch eine "Dunkelzelle". Die Zellen waren 3,40 Meter lang und 2,20 Meter breit.2 Insgesamt fünf Freigangzellen, die mit Maschendrahtzaun überspannt sind, können heute nachgewiesen werden. Die Haftbedingungen in den 40er Jahren waren schlecht. Der Kommandeur der Schutzpolizei, der die Aufsicht über die Magdeburger Gefängnisse inne hatte, monierte, dass die Umstände in der Haftanstalt Neustadt schlecht und sehr unhygienisch seien.3 Die Höchstbelegung dieser Zeit lag bei 250 Häftlingen. Zeitweise waren aber bis zu 300 Personen eingesperrt. Es war daher unmöglich, minimale hygienische Standards einzuhalten. Ursächlich für die vielen Verhaftungen war, laut Bastian, eine scharfe strafrechtliche Verfolgung. Der Präsident des Bezirksgerichtes Magdeburg gab zudem der „gesunkenen Moral“ des Volkes nach Ende des Krieges die Schuld an den vielen Verhaftungen.4  Ab Mitte der 50er Jahre nahm die Anzahl der Häftlinge jedoch deutlich ab, sogar so deutlich, dass die Haftanstalt Magdeburg-Neustadt geschlossen werden musste, weil die Gefängnisbelegung bei lediglich 25 Prozent (1956: 79 Personen, 1957: 84 Personen) lag.5 Das Gebäude lag aber noch immer im Besitz des Strafvollzugs, was dazu führte, dass 1956/1957 Übernahmegespräche zwischen dem MfS und der Abteilung Strafvollzug geführt wurden. Am 18. Mai  1958 wurde der Umzug der Haftanstalt Sudenburg nach Neustadt vollzogen und fortan war Magdeburg-Neustadt komplett unter Führung der Stasi. Zuvor wurden jedoch zahlreiche bauliche Maßnahmen umgesetzt, da die Leitung des Gefängnisses fürchtete, dass es wieder, wie beim Volksaufstand am 17.Juni 1953, zu Tumulten kommen könnte. Damals war es zirka 1000 Demonstranten gelungen, 221 Häftlinge aus Magdeburg-Neustadt zu befreien.6 Neue Gitter und Türen wurden angebracht, spezielle Einsatzpläne bei Ausschreitungen wurden erarbeitet.7


1 Vgl. Vgl. Beleites, Johannes, Abteilung XIV Haftvollzug, (MfS-Handbuch), Hrsg. BstU Berlin, 2009, S. 57.
2 Vgl. Passens, Katrin, MfS-Untersuchungshaft, 1971-1989, Berlin, 2012, S. 74.
3 Vgl. Bastian, Alexander, Repression, Haft und Geschlecht, Die Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit Magdeburg-Neustadt 1958-1989, Halle/Saale, 2012, S. 101.
4 Vgl. ebd. S. 102.
5 Vgl. ebd. S. 103. sowie: S. 392.
6 Vgl. Das Gefängnis Magdeburg-Neustadt bis zur Übernahme durch die Staatssicherheit.
7 Vgl. Bastian, Alexander, S. 105.







Die Anlage der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Magdeburg wurde zwischen 1958 und 1989 mehrmals umgebaut, beziehungsweise Veränderungen vorgenommen. Die Umfassungstraße war eine stark befahrene Hauptstraße, was bereits das erste Problem für die Stasi darstellte. Die Thomas-Müntzer-Schule befand sich ebenfalls direkt gegenüber der UHA. In den 80er Jahren wurden in kurzer Entfernung zur UHA Plattenbauten errichtet. Aus diesem Grund musste die Anstaltsleitung die Gefängnismauern als weitere Sicherungsmaßnahme erhöhen, sodass von keiner Seite Einsicht in das Gefängnis gewährt werden konnte. Jeder Zellentrakt der UHA bestand aus einem zentralen Treppenaufgang, pro Etage gab es zwei Gänge, die in die einzelnen Verwahrbereiche führten. Dort befanden sich auch die Zellen. Zur UHA Magdeburg gehörten des weiteren ein Wäscheboden, ein Keller, eine Disziplinarzelle sowie ein für DDR Verhältnisse recht gut ausgestattetes medizinisches Versorgungszentrum. Zudem gab es auch hier ein angeschlossenes Strafgefangenenarbeitskommando (SDAK) für Strafgefangene des MfS zur Arbeit in der UHA-eigenen Werkstatt, Wäscherei und Küche. Politische Gefangene durften während ihrer Untersuchungshaft nicht arbeiten. Damit hatten sie auch nicht die Möglichkeit, sich ein finanzielles Zubrot zu verdienen. Ein separater Flur führte direkt in die Freigangzellen. Baulich können drei Zeitphasen für die UHA ausgemacht werden. Von 1958-1970 gab es kaum bauliche Veränderungen in de Anstalt. Diese Phase war geprägt von grundlegenden Sicherheitsfragen gegenüber den Gefangenen. Die zweite Phase begann 1970 und reichte bis in die 80er Jahre hinein. Neben sicherheitsrelevanter baulicher Erneuerungen wurden auch am Gebäude selbst Sanierungen betrieben. Die dritte Phase, bis 1989, zeigt deutlich die finanzielle Schwäche der DDR auf. In dieser Zeit wurden kaum noch bauliche Maßnahmen umgesetzt.1 1964 wurden in den Zellen Toiletten eingebaut. Damit wurde den Häftlingen fortan erspart, auf einem Kübel, der nur mit einem Deckel zu verschließen war, ihre Notdurft zu verrichten. Außerdem wurden Besucherzimmer und Zimmer für Rechtsanwälte in das Stasi-Gefängnis integriert. Ein weiteres Beispiel dafür, wie abgeschottet und isoliert die Häftlinge waren, zeigt das Beispiel des dem "konspirativen Auftrag entgegenwirkenden" Fußbodens. Der biete den Inhaftierten die Möglichkeit zur Informationsabschöpfung. Die Inhaftierten könnten durch die Geräuschentwicklung Informationen abschöpfen. Das selbe wurde für die Signalanlage innerhalb des Zellentrakts festgestellt.2 Im Jahr 1983 wurden nochmals bauliche Veränderungen vorgenommen und neue Gittertüren eingebaut.


1 Vgl. Bastian, Alexander, Repression, Haft und Geschlecht, Die Untersuchungshaftanstalt des MfS Magdeburg-Neustadt 1958-1989, Halle/Saale, 2012, S. 149.
2 Vgl. ebd. 152 f.





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An den Haftbedingungen und dem Vollzug der Untersuchungshaft in der UHA der Stasi in Magdeburg ist erkennbar, dass hier bis 1956 die Häftlinge weitestgehend der Willkür der Vernehmer und der Wärter ausgeliefert waren. Dieses lag zum einen daran, dass die Mitarbeiter der Stasi in der Haftanstalt nur unzureichend geschult waren, zum anderen gab es nur selten staatsanwaltschaftlich durchgeführte Überprüfungen im Haftvollzug der Stasi. Beide Faktoren zusammen förderten Gewaltausbrüche gegenüber Gefangenen. Bis in die 50er Jahre hinein kann nachgewiesen werden, dass brutale Vorgehensweisen gegenüber Häftlingen in Form von Demütigungen, physischer Gewalt, Nahrungsmittelentzug und militärischer Drill an der Tagesordnung waren.1 Es kann zudem davon ausgegangen werden, dass es auf Geheiß der Anstaltsleitung "zielgerichtete Formen der Behandlung von Häftlingen" gegeben hat.2 Die Untersuchungshaft der Stasi hatte den eigentlichen Zweck, Geständnisse zu erzielen, wobei es nicht von Bedeutung war, ob der Häftling tatsächlich die ihm vorgeworfenen Straftaten begangen hatte oder nicht. Dementsprechend wurde nicht darauf geachtet, ob es für den Häftling entlastende Momente geben könnte, wenn es den von der Stasi beabsichtigten Schuldzuweisungen widersprach. In 74 Prozent der Fälle in Magdeburg behielt die Stasi die Häftlinge länger in Haft als "rechtlich" überhaupt erlaubt. Manfred Püchel schreibt dazu, dass ein Häftling so lange in Magdeburg interniert war, bis seine Widerstandskraft erschöpft und er zu einem Geständnis bereit war. Nur sieben Prozent wurden in den Jahren zwischen 1959 und 1970 nach ihrer Untersuchungshaft in die "Freiheit" entlassen.3 Püchel führt im folgenden den Satz eines Vernehmers aus Magdeburg an: "Grundsätzlich kann von jedem Beschuldigten (ein) Geständnis erlangt werden."4
Hans-Eberhard Zahn macht dazu insgesamt zwölf Methoden der Stasi aus, die zu einem schnellen Geständnis des Häftlings führen können. An dieser Stelle werden nur einzelne Beispiele genannt. Dem Häftling, so Zahn, müssten dazu möglichst viele "Reizquellen" entzogen werden, also Bücher, keine Erkennung ob Tag oder Nacht ist, keine Gesprächspartner. Dies führt dazu, dass binnen weniger Wochen der Häftling zu halluzinieren beginnt und keinen Widerstand gegen den Vernehmer mehr ausüben kann.5


1 Vgl. Bastian, Alexander, Repression, Haft und Geschlecht, Die Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit Magdeburg-Neustadt, 1958-1989, Halle/Saale, 2012 S. 106.
2 Vgl. ebd. S. 110.
3 Vgl. Püchel, Manfred, Eröffnungsvortrag, in: Stephan, Annegret (Hrsg.), 1945 bis 2000 Ansichten zur deutschen Geschichte, Zehn Jahre Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg für die Opfer politischer Gewaltherrschaft 1945 bis 1989, Leske + Budrich, Opladen, 2002, S. 12.
4 Vgl. ebd.
5
Vgl. Zahn, Hans-Eberhard, Haftbedingungen und Geständnisproduktion in den Untersuchungshaftanstalten des MfS, Psychologische Aspekte und biographische Veranschaulichung, Berlin, 1999, S. 22.







Erstmals wurden 1955 Grundlagen zum Untersuchungshaftvollzug geregelt, die in den Jahren 1968 und 1980 zu gemeinsamen Vorgaben für die Generalstaatsanwaltschaft, das MfS und dem MdI mündeten. Die von Erich Mielke 1986 erlassene Dienstanordnung 1/86 regelte den Vollzug in der Untersuchungshaft der Stasi und die Gewährleistung der Sicherheit der Häftlinge. Deutlich werden in der Anordnung Maßnahmen beschrieben, die gegenüber Häftlingen anzuwenden seien, wenn diese sich Anweisungen etc. widersetzten. Vom Brief- und Besuchsverbot bis hin zum Einsatz von Gewalt und der Anwendung der Isolationshaft wurde darin alles genau geregelt. Die Häftlinge wurden dazu im Vollzug rund um die Uhr intensiv kontrolliert, selbst wenn sie in ihren Zellen eingeschlossen waren. Durch einen an der Türe angebrachten Spion konnten die Wärter tagsüber alle fünf Minuten, nachts alle 15 Minuten überprüfen, ob der Häftling noch lebte, keinen Kontakt zu Mitgefangenen in Form von Klopfzeichen aufnahm, auf dem ihm laut Hausverordnung zugewiesenen Platz saß oder die korrekte Schlafposition eingenommen hatte. Ziel war es, dem Häftling jedes Gefühl für Privatsphäre zu rauben. Der Häftling sollte sich rund um die Uhr beobachtet fühlen, auch wenn er nicht beobachtet wurde. Dieses Mittel eignete sich, um die Häftlinge psychisch zu brechen. Ein weiterer Schritt, den Häftlingen jedes Gespür für Individualisierung und Privatsphäre zu rauben war, die Anrede der Häftlinge mit Namen zu unterlassen, sondern sie nur noch mit Häftlings- und Belegraumnummer anzusprechen. Von der UNO wurde diese Praxis im Jahr 1984 als psychische Folter eingestuft.1 Die Methoden der weißen Folter, mit denen Häftlinge psychisch gequält wurden, erlernten die Vernehmer an der Juristischen Hochschule in Potsdam (JHS), der MfS eigenen Hochschule. Die "operative Psychologie" wurde 1976 erstmals konkret ausgearbeitet und kam im Folgenden zur Anwendung.


1 Vgl. Denis, Doris, Posttraumatische Störungen nach politischer Inhaftierung in der DDR, in: Müller, Stephan (Hrsg.), Die Vergangenheit lässt uns nicht los,  Haftbedingungen politischer Gefangener in der SBZ/DDR und deren gesundheitliche Folgen, Hamburg, 1997, S. 190.







Die Zellen waren spartanisch eingerichtet und entsprachen den eigenen Vorgaben der Stasi zur Ausstattung von Haftzellen im Untersuchungshaftvollzug. Eine Holzpritsche, ein Hocker ohne Tisch und ein Wandbrett, sowie ab den 1960er Jahren eine Toilette waren die in der Zelle befindlichen Möbel. Die Fenster waren mit Glasbausteinen verschlossen, nur an den Rändern links und rechts konnte Frischluft in die Zelle eindringen, was im Winter zu eisiger Kälte in der Zelle und im Sommer zu kaum Luftaustausch führte.
Die Verpflegung während der Untersuchungshaft wurde seit 1955 gesetzlich geregelt. Zum Frühstück und Abendbrot wurden Brot, Marmelade und Wurst ausgeteilt, zum Mittagessen gab es in der Regel eine warme Speise, die zumeist einen Fleischanteil besaß.1 Ein Arzt und ein Sanitäter waren verpflichtet, die Qualität des Essens zu überprüfen. Zudem wurde in einer internen Dienstanweisung die Verpflegung der Häftlinge geregelt und darauf aufmerksam gemacht, dass der Jahreszeit angemessenes Frischgemüse verwendet werden solle, was jedoch nicht durchgesetzt wurde.2 Die Qualität der verwendeten Lebensmittel, so wurde immer wieder deutlich, war häufig mangelhaft. Verdorbene Wurst, Mehlwürmer im Essen und Motten kamen vor allem in den 70er Jahren vor.3


1 Vgl. Bastian, Alexander, Repression, Haft und Geschlecht, Die Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit Magdeburg-Neustadt, 1958-1989, Halle/Saale, 2012, S. 163.
2 Vgl. ebd. S. 162.
3 Vgl. ebd. S. 163 f.













Zu den Gründen für die Inhaftierungen legen Johannes Beleites und Alexander Bastian umfangreiche Tabellen vor. Ab August 1952 kann detailliert nachgewiesen werden, wie viele Häftlinge jährlich in Magdeburg interniert waren. Insgesamt 5531 Menschen waren zwischen 1952 und 1989 in der Untersuchungshaftanstalt des MfS der BV Magdeburg in Sudenburg und Neustadt inhaftiert, 4569 Männer und 962 Frauen.1




Die höchste Anzahl von Inhaftierten kann im Jahr 1953 verzeichnet werden, was mit dem Volksaufstand im Juni erklärt werden kann. Hierzu wird im Folgenden noch berichtet. Ebenfalls vergleichsweise hohe Häftlingszahlen sind 1961 und 1962 zu verzeichnen, was mit dem Mauerbau und der ersten großen Fluchtversuchswelle nach der Schließung der Grenzen erklärt werden kann. Im Jahr 1961 wurden 163 Menschen in der UHA festgehalten und 1962 166 Personen.2 In den Jahren 1984, 1988 und 1989 wurden ebenfalls  besonders viele Personen festgenommen. 1984 waren 221 Personen in Untersuchungshaft, vier Jahre später kam es zum höchsten Stand an Häftlingen seit 1953. 245 Personen saßen in der UHA ein.3 Im Durchschnitt waren unter den Häftlingen 24 Strafgefangene, die anderen Häftlinge wurden aus politischen Gründen in der UHA festgehalten.4 Der am häufigsten vorgeworfene Straftatbestand durch die HA XIV  zwischen 1958 und 1967 war  der des „illegalen Grenzübertritts und Verstoß gegen das Passgesetz“. Insgesamt 251 Personen wurden dieses Straftatbestandes beschuldigt.5 Wegen „Staatsgefährdender Hetze und Propaganda“ wurden in den selben Jahren 214 Personen verhaftet.6 Die meisten Inhaftierten waren maximal 25 Jahre alt. Im Jahr 1959 waren 35 Häftlinge unter 20 Jahre alt, 34 waren zwischen 20 und 25. Dieses Bild spiegelt sich auch in den folgenden Jahren wieder. 1965 waren 85 Häftlinge unter 25 Jahren. 1984 waren 76 Personen unter 25.7 Die am Häufigsten inhaftierte Berufsgruppe waren Handwerker und Facharbeiter.8


1 Vgl. Bastian, Alexander, Repression, Haft und Geschlecht, Die Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit Magdeburg-Neustadt 1958-1989, Halle/Saale, 2012, S. 393.
2 Vgl. ebd. S. 392.
3 Vgl. ebd. S. 393.
4 Vgl. Beleites, Johannes, Abteilung XIV Haftvollzug, (MfS-Handbuch), Hrsg. BstU Berlin, 2009, S. 57.
5 Vgl. ebs. S. 369.







Die für diese Untersuchungshaftanstalt der Bezirksverwaltung / BV des Ministeriums für Staatssicherheit / MfS der DDR in Magdeburg zuständigen Leiter waren von 1952 bis 1953 Franz Schkopik, danach von 1953 bis 1962 Reinhold Knoppe, ihm folgend von 1962 bis 1971 Heinz Eggebrecht und dann 1971 bis 1977 Heinz Kühne. Als letzter Leiter in der BV war von 1977 bis 1989 der Generalmajor Wilfried Müller tätig.1


1 Jens Gieseke, Wer war wer im Ministerium für Staatssicherheit (MfS-Handbuch) Anatomie der Staatssicherheit, Geschichte - Struktur - Methoden, Herausgeber, BStU, Berlin 2012.







In jeder UHA der Stasi wurde auf die medizinische Versorgung der Häftlinge während der Untersuchungshaft besonderer Wert gelegt. Zum einen sollte so der Gesundheitszustand der Insassen gewährleistet werden, zum anderen konnte so das Ermittlungsverfahren gegen die Beschuldigten effizient gesteuert werden. Die medizinische Betreuung existierte in den Haftanstalten nicht ausschließlich aus humanitären Gründen sondern vielmehr war sie wesentlicher Bestandteil eines effizienten Ermittlungsverfahrens. Bastian schreibt dazu: "Dementsprechend kann von einer Instrumentalisierung des Häftlingskörpers gesprochen werden, indem die körperlichen und geistigen Funktionen für den Erfolg der geheimdienstlichen Untersuchungshaft aufrecht erhalten werden mussten."1
Die UHA in Magdeburg gab es dazu in der medizinischen Versorgungsstelle unterschiedliche Gerätschaften und Einrichtungen. So war beispielsweise ein Röntgengerät, ein EKG, Physiotherapie und eine Gynäkologie vorhanden. Viele Behauptungen und Vermutungen, die Stasi habe Insassen gezielt mit Röntgenstrahlen gesundheitlich geschädigt, können nicht nachgewiesen werden. Allerdings kann nicht gänzlich ausgeschlossen werden, dass Häftlinge durch die Röngengeräte Schaden genommen haben. Denn der technische Stand der Geräte in den UHA war der der 50er Jahre. Teilweise kamen sogar noch ältere Geräte zum Einsatz, weshalb man aus heutiger Sicht nicht ausschließen kann, dass nicht doch Häftlinge im Zuge medizinischer Untersuchungen gesundheitliche Schäden nahmen.2 Haftschädigungen wie posttraumatische Belastungsstörungen sind eine häufige Folge der Untersuchungshaft. Die zielgerichtete "Zersetzung" der Häftlinge durch Repression, Rechts- und Hilflosigkeit, vollständiger Überwachung und Isolation sowie Desorientierung führte dazu, dass posttraumatische Belastungsstörungen noch heute eine häufige Folge der Haftbedingungen sind.3 Untersuchungshäftlinge fielen zwar nicht unter die Richtlinie für "Zersetzung" 1/76, bei der es ausschließlich um Personen außerhalb von Gefängnissen ging, dennoch gab es die oben genannten, vom MfS wirksam eingesetzte Maßnahmen gegenüber den Häftlingen. Jürgen Fuchs unterteilte die "Zersetzungsmaßnahmen" in der Haft in eine "Monopolisierung der Wahrnehmung", was bedeutet, dass die komplette Aufmerksamkeit des Insassen auf die jetzige Situation gelenkt wird. "Herbeiführen von Entkräftung und Erschöpfung" bedeutet, die Schwächung der geistigen und körperlichen Widerstandsfähigkeit durch Nahrungsentzug, Schlafentzug, Zellen-IM oder dem Streuen von Gerüchten. "Drohungen" sollen die Angst und Verzweiflung des Häftlings weiter verstärken. Beispielsweise wurde gedroht, dass die Kinder des Häftlings ins Heim kämen. Weiter können noch "gelegentliche Gefälligkeiten" und das "Demonstrieren von Allmacht" genannt werden. Bei ersterem erzeugt der Vernehmer eine warme, sympathische Stimmung und verspricht dem Häftling, sich draußen um alles zu kümmern. Die Demonstration der Allmacht macht die Kooperation des Häftlings als Voraussetzung für die restliche Haftzeit. Bei mangelnder Kooperation wird das Treffen mit dem Anwalt verhindert. Das Opfer soll zur Auffassung gelangen, dass Kooperation zur Wahrung der Selbstachtung nötig ist. Als letztes gehört noch das "Erzwingen von kleinen und größeren Gefälligkeiten" zu den "Zersetzungsmaßnamen". Hierbei werden Gespräche mit dem Häftling über private Sachverhalte erzwungen, der Vernehmer bestimmt über den Häftling in allen Situationen. Er gewährt Besuche oder verbietet sie. Der Häftling ist damit dem Verhemer vollkommen ausgeliefert.4 "Zersetzung" bedeutet zweierlei. Zum einen soll der Häftling "kaputtgemacht" werden, zum anderen sollen oppositionelle Gruppen gespalten und auseinandergetrieben werden.5


1 Vgl. Beleites, Johannes, Abteilung XIV Haftvollzug, (MfS-Handbuch), Hrsg. BstU Berlin, 2009, S. 172.
2
Vgl. Bastian, Alexander, Repression, Haft und Geschlecht, Die Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit Magdeburg-Neustadt 1958-1989, Halle/Saale, 2012, S. 180.
3
Vgl. ebd.S. 173.
4
Vgl. Behnke, Klaus, Trobisch, Stefan, Panik und Bestürzung auslösen, Die Praxis der „operativen Psychologie“ des Staatssicherheitsdienstes und ihre traumatisierenden Folgen, in: Müller, Stephan (Hrsg.), Die Vergangenheit lässt uns nicht los, Haftbedingungen politischer Gefangener in der SBZ/DDR und deren gesundheitliche Folgen, Hamburg, 1997,  S. 173 ff.
5
Vgl. Schuller, Wolfgang, Staatsterror aus dem Dunkeln, die Zersetzungsmaßnahmen des Ministeriums für Staatssicherheit und ihre strafrechtliche Aufarbeitung, in: Stephan, Annegret (Hrsg.), 1945 bis 2000, S. 73.









Die medizinische Versorgung der Häftlinge wurde seit 1977 in Zusammenarbeit mit den Abteilungen XIV, IX, dem zentralen medizinischen Dienst (ZMD) und der Abteilung Kader und Schulung durchgeführt.1 Die Verabreichung von Medikamenten durfte ausschließlich nur in flüssiger Form erfolgen, da die Häftlinge keinerlei Möglichkeit haben sollten, Schmerzmittel oder andere Medikamente bei sich zu bunkern und so eventuell einen Suizidversuch vorbereiten. Desweiteren durften erforderlich zu verabreichende Schmerzmittel nur in kleinen Dosen verabreicht werden. 24 Stunden bis maximal drei Tage nach der Einlieferung eines Häftlings in die UHA der Stasi hatte die ärztliche Untersuchung zu erfolgen. Dabei wurden gesundheitliche Beschwerden der Häftlinge, ebenso wie mögliche Suchtmittelerkrankungen mit dem Arzt besprochen. Es heißt:

Allen Inhaftierten ist der Anspruch auf die zur Erhaltung der Gesundheit notwendigen ärztlichen Behandlung sowie auf die Versorgung mit den erforderlichen orthopädischen Heil- und Hilfsmitteln, Zahnersatz und Medikamenten entsprechend den sozialversicherungsrechtlichen Bestimmungen zu gewähren.2

Monatlich wurden Gewichtskontrollen bei den Häftlingen durchgeführt. Weibliche Inhaftierte, die bei Haftantritt schwanger waren, konnten eine Schwangerschaftsunterbrechung im Haftkrankenhaus des MfS beantragen.3 Der Untersuchungsraum der UHA in Magdeburg befand sich im zweiten Stock des Gebäudes zwischen zwei Häftlingsfluren. Der Raum war mit einer Untersuchungsliege, einem gynakologischen Stuhl, einer Waage, einem Waschbecken einem Kurzwellengerät und einer Toilette ausgestattet. Zudem war der Untersuchungsraum mit einem EKG-Gerät, Verbandsmaterialien, Röntgenfilme und Medikamente ausgestattet. Das Röntgengerät für die Untersuchungen war im Keller untergebracht und wurde 1972 in Betrieb genommen. Abschließend ist noch zu erwähnen, dass Krankmeldungen und Angaben von Krankheitssymptomen bei Häftlingen meistens durch die Mitarbeiter der Staatssicherheit bezweifelt wurden. Den politischen Gefangenen wurde somit permanent Misstrauen entgegen gebracht. Nicht nur bei den Verhören sondern auch bezüglich ihres Gesundheitszustands traute man ihnen in keinster Weise.


1 Vgl. Bastian, Alexander, Repression, Haft und Geschlecht, Die Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit Magdeburg-Neustadt 1958-1989, Halle/Saale, 2012, S. 174.
2
Zitiert nach: Kowalczyk, Angela, Sicher verwahrt, Stasiknast und medizinische Versorgung, Berlin, 2004, S. 40.
3
  Vgl. Bastian, Alexander, S. 17.







Die für den Haftvollzug der Stasi verantwortliche Abteilung XIV der Untersuchungshaftanstalt in der Bezirksverwaltung Magdeburg hatte bis 1989 insgesamt vier Leiter. Walter Meyer (1954-1960), Karl Lubitz (1960-1962), Alfred Gerstner (1962-1976) und Rudolf Wanura (1976-1989). Die ihnen unterstellten Mitarbeiter der Abteilung XIV verfügten innerhalb der Stasi allerdings über ein eher geringes Prestige. Ihnen wurde innerhalb des MfS nachgesagt, dass sie für eine andere Arbeit aus Mangel an Intelligenz nicht entsprechen würden. Grund für den Mangel an Anerkennung war unter anderem die Eintönigkeit dieser Tätigkeit. Überwiegend Männer wurden als Mitarbeiter der Wachmannschaft für die Arbeit in der UHA Magdeburg rekrutiert.1 1989 gab es insgesamt 46 Mitarbeiter der Abteilung XIV im Haftvollzug der Stasi, darunter sieben Frauen. 48 verfügbare Planstellen waren dazu vom MfS in der UHA der Magdeburger Bezirksverwaltung für diese Abteilung vorgesehen.2

 

 

Die ebenfalls in Magdeburg ansässige Abteilung IX, das Untersuchungsorgan der Stasi, hatte von 1952 und 1989 insgesamt vier Leiter. Von 1952-1953 war Heinz Eggebrecht Leiter der Abteilung, bis er zum stellvertretenden operativen Leiter der BV Magdeburg ernannt wurde,3 und dann folgend 1962 bis 1972 Leiter der Bezirksverwaltung in Magdeburg war. 1953 wurde Willi Götzschel Nachfolger von Eggebrecht. Götzschel war seit 1945 Mitglied der KPD und trat 1952 in den Dienst des MfS. Götzschel war erst 27 Jahre alt, als er die Leitung der Abteilung IX übernahm. 1971 wurde er wegen gesundheitlicher Gründe entlassen. Sein Nachfolger Lubas leitete die Abteilung zwischen 1971 und 1980. Wolfgang Falke war der letzte Abteilungsleiter der Linie IX in Magdeburg. Er trat 1964 dem Wachregiment Berlin bei und wurde 1966 zum MfS versetzt.4 Allen Leitern der Abteilung IX in der UHA war gemein, dass sie zumeist intellektuelle Fähigkeiten besaßen und diensteifrig eine hohe Einsatzbereitschaft zeigten.
Die Mitarbeiter der Abteilung IX hatten zumeist lange Karrieren im MfS. Bastian betrachtete dazu eingehend neun Kaderakten von Mitarbeitern der Abteilung IX und stellte dabei eine erstaunliche Homogenität der vorhandenen Lebensläufe fest. Alle untersuchten Personen kamen in den 1960er Jahren zur Stasi und waren Mitglieder der SED. Zudem verfolgten alle Mitarbeiter lange Karrieren beim MfS. Bastian geht davon aus, dass diese neun Personen weitestgehend übertragbar auf andere Mitarbeiter der Stasi-Linie HA IX sind.5 Überwiegend stammten die Mitarbeiter aus der Arbeiterschicht, einige wenige waren Bauern. Die meisten Mitarbeiter hatten zudem Familienangehörige im Dienst des MfS. Insgesamt könne ein hohes Bestreben der Mitarbeiter verzeichnet werden, eigene Familienmitglieder in den Dienst des MfS zu integrieren.6


1 Vgl. Bastian, Alexander, Repression, Haft und Geschlecht, Die Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit Magdeburg-Neustadt 1958-1989, Halle/Saale, 2012, S. 251.
2
Vgl. Vgl. Beleites, Johannes, Abteilung XIV Haftvollzug, (MfS-Handbuch), Hrsg. BstU Berlin, 2009, S. 56.
3
  Vgl. Bastian, Alexander, S. 203.
4 Vgl. ebd, S. 211.
5 Vgl. ebd, S. 213.
6 Vgl. ebd, S. 214.











Innenansicht Zelle 104, 08.10.2012 09:33 /

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