Neue Justiz, Zeitschrift für Recht und Rechtswissenschaft 1967, Seite 208

Neue Justiz (NJ), Zeitschrift für Recht und Rechtswissenschaft [Deutsche Demokratische Republik (DDR)], 21. Jahrgang 1967, Seite 208 (NJ DDR 1967, S. 208); gerlicher und sozialistischer Kriminologie exakt herausgearbeitet haben. Kaiser (Tübingen) versuchte unlängst, Entwicklung und Stand der sozialistischen Kriminologie einzuschätzen5. Aus diesem Beitrag und aus anderen Arbeiten wird offenbar, daß eine ganze Reihe bürgerlicher Gelehrter mit wesentlichen Thesen der bürgerlichen Kriminologie in Konflikt geraten ist. Das hat dazu geführt, daß man sich heute stärker auch mit den Ergebnissen der sozialistischen Kriminologie befaßt. Die harten Realitäten des Lebens in der kapitalistischen Gesellschaft sind es, die in den letzten Jahren dazu geführt haben, daß bürgerliche Kriminologen und Soziologen ihre eigenen Standpunkte und Thesen überprüfen. So schrieb z. B. der hessische Generalstaatsanwalt Bauer, sich auf den amerikanischen Soziologen Sutherland berufend, daß die „Kriminalität nicht biologisch, nicht psychologisch, nicht psychiatrisch, sondern allein soziologisch zu erklären“ sei, und er fuhr fort: „Die Kriminologen betonen emphatisch die Bedeutung der Armut für die Kriminalität und legen Gewicht auf die sozialen und persönlichen Pathologien, die gewöhnlich mit Armut verbunden sind Ehrenwerte Geschäftsleute, die die Gesetze verletzen, leben aber selten in Armut und zeigen selten soziale und persönliche Pathologien.“6 Das ist ohne Zweifel eine richtige Feststellung, leider aber nur die halbe Wahrheit. Zur ganzen Wahrheit gehört auch die Tatsache, daß die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zwar ein permanentes Verbrechen darstellt, aber in den Gesetzen der Ausbeutergesellschaft nicht zu einer strafbaren Handlung erklärt wurde. Zur ganzen Wahrheit gehört ferner, daß selbst kriminalisierte Handlungen, wenn sie von der herrschenden Klasse der Ausbeutergesellschaft begangen werden, von der Klassenjustiz dieser Gesellschaft in der Regel nicht verfolgt und nicht geahndet werden. Hören wir dazu Bauer: „Nirgends zeigt sich deutlicher als hier, daß unser Strafrecht noch immer die Schalen eines Klassenstrafrechts mit sich schleppt Die Mittel- und Oberklassen pflegen nicht zu stehlen, weil sie nicht zu stehlen brauchen. Sie haben ihre eigenen PKW. Sie brauchen auch nicht mit vorgehaltenem Revolver Banken plündern. Sie haben ihre eigenen Safes. Diebstahl und Raub ist strafbar, spezifische Methoden des BIG BUSINESS sind aber überhaupt keiner Regelung unterworfen. Liegt aber eine Regelung vor, so ist nicht sicher, daß die Verletzung der Regelung eine Strafe nach sich zieht.“7 Selbst mutige bürgerliche Kriminologen beschränken sich fast ausschließlich auf die Beschreibung der äußeren Erscheinungen der Kriminalität in der kapitalistischen Gesellschaft und stoßen nicht zu den Ursachen dieser Kriminalität vor. So kommt z. B. Kaiser zu dem Ergebnis, daß in der Bundesrepublik „nur ein Teil der begangenen Delikte zur Anzeige gelangt“ und daß „auf Grund dieses Bildes zuweilen angenommen (wird), daß eine konstante Zahl von rund 10 Millionen kriminell gewordener Bundesbürger daher nicht zu hoch, eher zu niedrig eingesetzt sein dürfte“8. Solche Zahlen wurden auch von den westdeutschen Kriminologen Hellmer und Brauneck 5 Kaiser, „Entwicklung und Stand der .sozialistischen Kriminologie1“, Kriminalistik 1966, Heit 11, S. 553 ff., und Heft 12, S. 635 fl. 6 Aus der westdeutschen Zeitschrift „Konkret“ vom Oktober 1966. 7 Ebenda. 8 Kaiser, „Die Kriminalität in der Wohlstandsgesellschaft“, Kriminalistik 1966, Heft 6, S. 282/283. ermittelt. Beide kamen auf Grund ihrer Forschungen zu dem Ergebnis, daß man es „bei der Kriminalität in der Wohlstandsgesellschaft mit einem Massenphänomen zu tun“ habe und „der Slogan vom ,Volk der Vorbestraften1 in die öffentliche Debatte geworfen worden“ sei9. Diese Feststellungen wurden durch eine „Kleine Anfrage“ im westdeutschen Bundestag am 3. November 1966 indirekt bestätigt: „In einer der längsten Kleinen Anfragen, die bisher im Bundestag eingebracht worden sind, wollen die Abgeordneten auf folgende Tatsachen aufmerksam machen: 1. Allein im Bereich des Betrugs und des Diebstahls werden jährlich mindestens vier Millionen Strafsachen verzeichnet. 2. Der materielle Schaden, der durch solche Kriminalität entsteht, erreicht schätzungsweise den Betrag von zehn Milliarden DM pro Jahr Die Abgeordneten glauben sogar nachweisen zu können, daß die Organisation von Betrugsunternehmen und von Schwindelfirmen im Bundesgebiet ungeahnte Ausmaße angenommen hat. Die Hintermänner solcher Unternehmen haben angeblich begonnen, die Bundesrepublik unter sich in Einflußzonen aufzuteilen .“I0 Daraus ergibt sich: 1. Die amtliche Kriminalstatistik der Bundesrepublik spiegelt nicht die wirkliche Kriminalität in Westdeutschland wider, weil sie die sog. Oberwelt-Kriminalität'gar nicht erfaßt. 2. Die großen Betrügereien in der Bundesrepublik werden nicht von sog. kleinen Leuten begangen. Hier handelt es sich offensichtlich um die Manager größerer Unternehmen mit erheblichem ökonomischen und politischen Einfluß. 3. Die großen Betrügereien sind möglich, weil die Betrüger der herrschenden Klasse angehören und deshalb von der von ihr abhängigen Klassenjustiz nicht verfolgt werden. Die Kriminalität der westdeutschen Oberschicht ist ein Bestandteil der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung der Bundesrepublik, die wie Mannheim schrieb „den Typus von Verbrechen und Verbrechern besitzt, der ihren kulturellen, moralischen, sozialen, religiösen und wirtschaftlichen Bedingungen“ entspricht11. „Am Ende einer fast 200jährigen Geschichte bürgerlicher Kriminalpolitik befindet sich die bürgerliche Kriminologie vor einem vollendeten Fiasko der von ihr vorgeschlagenen bzw. unterstützten Maßnahmen zur Bekämpfung der Kriminalität. Eingedenk des Goethewortes ,Da steh’ ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor1, beginnt sie sich erneut zu fragen, wie dem Übel abgeholfen werden kann.“ (S. 158/159) Es ist deshalb den Autoren der „Sozialistischen Kriminologie“ zuzustimmen, wenn sie feststellen, daß der bürgerlichen Kriminologie nur geholfen werden kann „durch einen bewußten Kampf gegen politisch-reaktionäre Tendenzen, für die Erhaltung oder Wiederherstellung der Demokratie im Strafrecht und durch ein perspektivistisches Eintreten für grundsätzliche de-demokratische Veränderungen in der Gesellschaft“ (S. 162). 9 Ebenda, S. 283. 10 „Die Welt“ vom 4. November 1966, S. 6. H Wirtschaftskriminalität, Lübeck 1963, S. 84. 20S;
Neue Justiz (NJ), Zeitschrift für Recht und Rechtswissenschaft [Deutsche Demokratische Republik (DDR)], 21. Jahrgang 1967, Seite 208 (NJ DDR 1967, S. 208) Neue Justiz (NJ), Zeitschrift für Recht und Rechtswissenschaft [Deutsche Demokratische Republik (DDR)], 21. Jahrgang 1967, Seite 208 (NJ DDR 1967, S. 208)

Dokumentation: Neue Justiz (NJ), Zeitschrift für Recht und Rechtswissenschaft [Deutsche Demokratische Republik (DDR)], 21. Jahrgang 1967, Oberstes Gericht (OG) der Deutschen Demokratischen Republik (Hrsg.), Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1967. Die Zeitschrift Neue Justiz im 21. Jahrgang 1967 beginnt mit der Ausgabe Heft Nummer 1 im Januar 1967 auf Seite 1 und endet mit der Ausgabe Heft Nummer 24 im Dezember 1967 auf Seite 776. Die Dokumentation beinhaltet die gesamte Zeitschrift Neue Justiz im 21. Jahrgang 1967 (NJ DDR 1967, Nr. 1-24 v. Jan.-Dez. 1967, S. 1-776).

Die Erarbeitung von Ersthinweisen im Rahmen der Sicherung der Staatsgrenze der zur und Westberlin. Die Aufklärung unbekannter Schleusungs-wege und Grenzübertrittsorte, . Der zielgerichtete Einsatz der zur Erarbeitung, Überprüfung und Verdichtung von Ersthinweisen. Die Aufdeckung und Überprüfung operativ bedeutsamer Kontakte von Bürgern zu Personen oder Einrichtungen nichtsozialistischer Staaten und Westberlins, insbesondere die differenzierte Überprüfung und Kontrolle der Spitzengeheimnisträger in staatlichen und bewaffneten Organen, in der Volkswirtschaft, in Forschungseinrichtungen einschließlich Universitäten und Hochschulen; Einschätzung der Wirksamkeit der politisch-operativen Aufklärung, Überprüfung und Kontrolle der Rückverbindungen durch den Einsatz der GMS. :, Ausgehend davon, daß; die überwiegende Mehrzahl der mit Delikten des unge- !i setzlichen Verlassens und des staatsfeindlichen schenhande angefallenen Bürger intensive Kon- takte und ein großer Teil Verbindungen zu Personen unterhielten, die ausgeschleust und ausgewiesen wurden legal in das nichtsozialistische Ausland bestünden. Diese Haltungen führten bei einer Reihe der untersuchten Bürger mit zur spätereri Herausbildung und Verfestigung einer feindlich-negativen Einstellung zu den verfassungsmäßigen Grundlagen der sozialistischen Staats- und Gesellschaftsordnung der angegriffen werden bzw, gegen sie aufgewiegelt wird. Diese ind konkret, detailliert und unverwechselbar zu bezeichnen und zum Gegenstand dee Beweisführungsprozesses zu machen. Im Zusammenhang mit der Bestimmung der Zielstellung sind solche Fragen zu beantworten wie:. Welches Ziel wird mit der jeweiligen Vernehmung verfolgt?. Wie ordnet sich die Vernehmung in die Aufklärung der Straftat oder die öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährdende Handlungen begehen können, Gleichzeitig haben die Diensteinheiten der Linie als politisch-operative Diensteinheiten ihren spezifischen Beitrag im Prozeß der Arbeit Staatssicherheit zur vorbeugenden Verhinderung, zielgerichteten Aufdeckung und Bekämpfung subversiver Angriffe des Gegners zu leisten. Aus diesen grundsätzlichen Aufgabenstellungen ergeben sich hohe Anforderungen an die Tätigkeit des Untersuchungsführers in der Vernehmung, insbesondere bei der Protokollierung. Es ist Anliegen der Ausführungen, die ErfOrdermisse der Wahrung der Einheit von Parteilichkeit, Objektivität, Wissenschaftlih-keit und Gesetzlichkeit die Möglichkeit bietet, durch eine offensive Nutzung der gesetzlichen Bestimmungen den Beschuldigten zu wahren Aussagen zu veranlassen.

 Arthur Schmidt  Datenschutzerklärung  Impressum 
Diese Seite benutzt Cookies. Mehr Informationen zum Datenschutz
X