Aufgenommen wurde die Videoarbeit "Allenthalben" am Nachmittag vom Sonntag, dem 2. März 2025 um 14:06 zusammen mit Arthur Gvoon X von Gvoon Arthur Schmidt in einer schwarzen Gummizelle des Stasi an einem anderen Ort.
Die hörbare Klangwelt der Videoarbeit "Allenthalben" mit meinen Sohn Arthur ist eher komplex und eigentlich so letztendlich in der Vielschichtigkeit durch einen Zufall entstanden. Zum einen ist mein Sohn in einer Situation des Abwarten und des Ausharrens zu sehen und sein Atem während dessen zu hören. Zum anderem ist in dieser Videoarbeit hör- und sichtbar ein experimentell zu dokumentarischen Zwecken hergestelltes Video verwendet worden, welches ich in dem Raum 152 im Erdgeschoss des Vernehmertraktes am Samstag, dem 29. Dezember 2012 in der ehemaligen zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und heutigen Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen aufgenommen habe. Und dann ist klein zu den Füßen meines Sohnes sicht- und hörbar eine Videoarbeit verwendet worden, die am 12.01.2025 in dem Raum entstanden ist, wo auch die schwarze Zelle aufgebaut ist. Das war der Zeitpunkt, als ich an dem alten Steinway einfach nur rumgesessen habe und die ganze Zeit nichts weiter wie das Abwarten getreten, gespielt habe als der Regen fiel. Diese Musik habe ich für meinen Sohn gemacht,,,
"Allenthalben" bedeutet in Bezug auf diese besondere Videoarbeit mit meinem Sohn in diesem Kontext so viel wie "überall“, “an allen Orten” oder “ist an vielen oder allen Stellen vorhanden”. Dieser Begriff beschreibt eine ubiquitäre Präsenz, die nicht nur geografisch verortbar, sondern auch emotional und psychologisch verstanden werden kann und sollte. Dieses Wort eignet sich besonders, um die Verbreitung und die Allgegenwart eines Zustands zu verdeutlichen. Und so trifft dieser Begriff auch auf diese eine Situation zu, die hier zu sehen ist, letztendlich eine Art von “Empathie”, die überall nicht nur in den dunkelsten Winkeln der Welt zu finden ist. Diese Empathie hat jedoch nicht nur eine eher positive, oder auch mitfühlende Bedeutung, sondern diese Empathie hat eine schmerzhafte Seite, da sie oft fest mit dem Leid und der Isolation anderer Menschen verknüpft ist.
Die schwarze Gummizelle der Stasi an einem anderen Ort, die an diesem Ort als Metapher verwendet wird, ist mehr als nur ein Raum der reinen Gefangenschaft. Sie ist ein Symbol, eine Metapher für all die anderen Räume dieser Welt, die zu Orten gemacht wurden, an denen Menschen in ihrer Freiheit und ihrem Selbst von anderen fremd bestimmt oder eingeschränkt werden. All diese Orte stehen letztendlich stellvertretend für all das, was man als von anderen “kontrollierte Existenz” bezeichnen könnte, die nicht nur im physischen Sinne, sondern auch auf mentaler und emotionaler Ebene stattfindet. Diese Räume können überall existieren, in der Dunkelheit eines Zellenflurs, in der Isolation eines Einzelzimmers oder auch in den weit entlegenen, alltäglichen Ecken unserer Gesellschaften, wo Menschen mitunter in einer Art unsichtbarer Gefangenschaft leben.
Die schwarze Gummizelle ist ein Abbild für diese vielen “anderen Räume”, was auch bedeutet, dass diese Zustände der Unterdrückung, der Überwachung oder der Manipulation nicht nur vereinzelte Phänomene sind, sondern sich “allenthalben” finden, in den unterschiedlichsten Ausprägungen, aber immer gegenwärtig. Die Allgegenwart dieser Räume ist die Grundlage für die “Empathie”, die hier als eine Form der gemeinsamen Erfahrung dargestellt wird. Doch diese Empathie ist ambivalent, sie kann sowohl das Mitgefühl eines außenstehenden Beobachters widerspiegeln, als auch das Leid, das der Mensch selbst dabei in seiner Existenz erfährt. Diese Empathie ist ein Produkt der universellen Erfahrung der Unterdrückung, der Isolation und des inneren Gefängnisses, das so viele Menschen weltweit erfahren.
Gleichzeitig wirft die Vorstellung von “Empathie” in einem solchen Kontext auch Fragen auf. Wie kann das Mitgefühl in einer Welt existieren, die von so vielen unsichtbaren und sichtbaren Barrieren geprägt ist? Kann Empathie in einem Raum gedeihen, der eigentlich als Ort der Unfreiheit, der Überwachung und des Missbrauchs angelegt ist? Und vielleicht noch weitergehend, was bedeutet es, in einer Welt zu leben, in der solche „Räume“ allenthalben existieren und immer wieder geschaffen werden, sei es durch politische Repression, soziale Ungerechtigkeit oder psychische Gewalt?
Diese Reflexion führt zu der Einsicht, dass die “Gummizelle” nicht nur ein historisches Relikt der Stasi oder eines bestimmten politischen Systems ist, sondern ein Sinnbild für die psychologischen und physischen Räume der Unterdrückung, die in vielen Teilen der Welt existieren. “Allenthalben”, in vielen Teilen der Welt und in verschiedenen Formen sind solche „Räume“ vorhanden. Und in jedem dieser Räume kann die Empathie entstehen, oft in einer Form, die selbst von dem Schmerz und der Erinnerung durchzogen ist. Es ist die Empathie derjenigen, die selbst an diesen Orten leben mussten, und derjenigen, die, durch das Beobachten, das Fühlen, das Verstehen, in diesen Räumen eintauchen und die Leere und das Leid erfahren, das sie hervorrufen.
So gesehen ist “Empathie” nicht nur eine Antwort auf das Leid, sondern auch ein Teil der Wahrheit, die sich im Angesicht der ständigen Präsenz dieser Räume der Unterdrückung offenbart.