Herbert Pätzel


Herbert Pätzel:

Herbert Pätzel arbeitete von 1954 bis 1979 in der Untersuchungsabteilung HA IX in Berlin-Hohenschönhausen und war zuletzt Leiter der Auswertung- und Kontroll-Gruppe (AKG) in der Haupabteilung VII des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR in der Stasi-Zentrale Berlin-Lichtenberg.

Herbert Pätzel wurde 1933 in Nowawes (Kreis Teltow) geboren und trat nach seinem Abitur mit 20 Jahren in den Dienst des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Zunächst war er in der Bezirksverwaltung Potsdam beschäftigt und wechselte 1954 in die Untersuchungsabteilung (HA IX) nach Berlin-Hohenschönhausen.

Er arbeitete sich zunächst zum Abteilungsleiter hoch, ehe er 1964 zum Leiter der Hauptabteilung IX/5 ernannt wurde. Pätzel war „durch seine intensive und ausdauernde Vernehmungsarbeit Vorbild für viele seine Mitarbeiter“. Er erpresste er von vielen Inhaftierten mittels körperlicher Gewalt zahlreiche Geständnisse.

Für seine Kollektiv-Doktorarbeit an der Stasi-Hochschule Potsdam (JHS) zum Thema "Die Qualifizierung der vorbeugenden und offensiven Bekämpfung staatsfeindlicher Aktivitäten der Verdeckten Kriegsführung unter den gegenwärtigen Bedingungen des Klassenkampfes" erfand er 1974 einen nie existierenden Agentenring. Im Zuge des hierfür eingeleiteten operativen Vorgangs "Waldläufer" ließ Herbert Pätzel insgesamt 12 Menschen verhaften und versuchte in stundenlangen Verhören falsche Geständnisse zu erpressen. Einige von ihnen wurden zu hohen Haftstrafen verurteilt.

Nach seiner Promotion zum Dr. jur. an der Stasi-Hochschule stieg Pätzel 1975 schließlich zum stellvertretenden Leiter der Untersuchungsabteilung HA IX auf und wurde ein Jahr später dann zum Oberst befördert.

Als der gesamte Schwindel mit den erpressten Aussagen 1979 der Stasi bekannt wurde, strafversetzte man ihn wegen „schwerster Manipulation von Ermittlungsergebnissen“ vorerst als Offizier im besonderen Einsatz in das DDR-Staatsarchiv, bevor er in den zentralen Dienstsitz des MfS nach Berlin-Lichtenberg zur Auswertung- und Kontroll-Gruppe der HA VII wechselte, wo er später auch Leiter der HA VII/AKG wurde. Im Zuge der Auflösung des MfS wurde er 1989 entlassen.

Im November 1999 verurteilte ihn das Landgericht Berlin dazu wegen mehrfacher Aussage-Erpressung zu 20 Monaten Freiheitsentzug auf Bewährung. Ein zweites Verfahren wegen Aussageerpressung und Rechtsbeugung, welches im Juni 1995 aufgenommen wurde, blieb wegen Überlastung der Justizbehörde bis zum Frühjahr 2000 weitestgehend unbearbeitet. Als die Hauptverhandlung auf den 20. Juli 2000 festgelegt wurde, tauchte Herbert Pätzel unter und wurde per Haftbefehl gesucht. Erst nachdem das Verfahren am 4. Oktober wegen Verjährung eingestellt wurde, tauchte er wieder auf.

Literatur: Hubertus Knabe: Die Täter sind unter uns. Über das Schönreden der SED-Diktatur. 2. Aufl. Propyläen-Verlag, Berlin 2007; Günter Förster: Die juristische Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit (Studien zur DDR-Gesellschaft, Lit-Verlag, Münster 2001; Roger Engelmann, Clemens Vollnhals (Hrsg.): Justiz im Dienste der Parteiherrschaft. Rechtspraxis und Staatssicherheit in der DDR (Analysen und Dokumente; 16). Links-Verlag, Berlin 1999; Peter Wensierski: Tunnel nach Thüringen. In: Der Spiegel, Jg. 54 (2000), Nr. 39 vom 25. September 2000; Klaus Marxen, Gerhard Werle (Hrsg.): Strafjustiz und DDR-Unrecht. Dokumentation, Band 5, Teil 2: Rechtsbeugung. DeGruyter, Berlin 2007; Roland Wiedmann: Organisationsstruktur des Ministeriums für Staatssicherheit 1989, (MfS-Handbuch), Hg.  BStU, Berlin 2010.


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