Die Kreisdienststellen (KD) der Bezirksverwaltungen für Staatssicherheit des Ministeriums für Staatssicherheit
der Deutschen Demokratischen Republik in den 217 Stadt- und Landkreisen der 15 DDR.









In der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wies die Volkskammer mit einem am 23. Juli 1952 erlassenem Gesetz eine Neugliederung der bisherigen Gebiets- und Verwaltungsstruktur an. Hiermit wurde die bisher bestehende föderalistische Länderstruktur von 5 Ländern aufgelöst und durch eine zentralistisch ausgelegte Bezirksstruktur mit darunter liegenden Kreiseinheiten ersetzt.  Hierdurch entstanden insgesamt 14 Bezirke und 217 Stadt / Landkreise in der DDR. Ostberlin wurde dabei nicht in die Umstrukturierung mit einbezogen, da die Stadt unverändert der Viermächtekontrolle unterworfen war. 1961 wurde dann auch Berlin offiziell durch den Staatsrat zum 15. Bezirk der DDR erklärt.

In gleicher Weise wurde mit den früheren 5 Landesverwaltungen des 1950 neu gebildeten Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) verfahren. An Stelle der bisherigen Länderverwaltungen wurden von der Stasi Bezirksverwaltungen (BV) eingerichtet. Gleichzeitig entstanden, entsprechend der Anzahl der Kreise in den Bezirken die Kreisdienststellen (KD) des MfS, die in dem Verantwortungsbereich der jeweiligen Bezirksverwaltung für Staatssicherheit lagen. In einigen Bezirken wurden in "sicherheitssensiblen" Kombinaten und Einrichtungen zusätzlich von dem MfS noch die sogenannten Objektdienststellen (OD) als objektbezogene Dienststellen eingerichtet, die in ihrer Stellung im MfS einer Kreisdienststelle gleichkamen.

Diese (OD) existierten 1989 im KKW "Bruno Leuschner" in Rostock, in den Chemischen Kombinaten Buna, Leuna und Bitterfeld in Halle, im Kombinat "Carl-Zeiss-Jena" in Gera, in der "Technischen Universität" in Dresden und im Gaskombinat "Schwarze Pumpe" in Cottbus, und fungierten als eigenständig arbeitende Dienststelleneinheiten des MfS.

Insgesamt verfügte die Stasi in den 209 Kreis- und 7 Objektdienststellen über 10539 hauptamtliche Mitarbeiter, wobei die unterschiedlich anzutreffende Anzahl von Mitarbeitern in den Bezirken nicht nur aus der Anzahl der Kreise beziehungsweise der "sicherheitssensiblen" Ojekte resultierte, sondern sich auch aus der politischen Bedeutung bestimmter Kreise sowie der dort anzutreffenden Einwohnerzahl in den administrativen Kreisen ergab. Während zum Beispiel die Kreisdienststellen in Leipzig über 757 hauptamtliche Mitarbeiter verfügten, gab es dagegeben in den Kreisdienststellen Dresden 960 Mitarbeiter und im Bezirk Suhl "lediglich" 332 Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes der DDR.

Von den insgesamt 10539 hauptamtlichen Mitarbeitern waren in den Kreisdienststellen der Staatssicherheit ca. 7000 in der unmittelbaren operativen Arbeit eingesetzt, ca. 2800 waren mit operativ-technischen, organisatorisch-administrativen und sicherstellenden Aufgaben befaßt, und über 1000 waren davon für die Bewachung der Objekte zuständig.




Die Kreisdienststellen / KD des Ministeriums für Staatssicherheit / MfS in den
Bezirken der Deutschen Demokratischen Republik /


Berlin 11 KD 641 hauptamtliche Mitarbeiter
Cottbus 15 KD / 1 OD 682 hauptamtliche Mitarbeiter
Dresden 17 KD / 1 OD 963 hauptamtliche Mitarbeiter
Erfurt 13 KD 745 hauptamtliche Mitarbeiter
Frankfurt Oder 11 KD 522 hauptamtliche Mitarbeiter
Gera 12 KD / 1 OD 624 hauptamtliche Mitarbeiter
Halle 26 KD / 3 OD 1539 hauptamtliche Mitarbeiter
Karl-Marx-Stadt 22 KD  900 hauptamtliche Mitarbeiter
Leipzig 13 KD 753 hauptamtliche Mitarbeiter
Magdeburg 16 KD 895 hauptamtliche Mitarbeiter
Neubrandenburg 14 KD 471 hauptamtliche Mitarbeiter
Potsdam 15 KD 788 hauptamtliche Mitarbeiter
Rostock 11 KD / 1 OD 550 hauptamtliche Mitarbeiter
Schwerin 10 KD 417 hauptamtliche Mitarbeiter
Suhl 08 KD 340 hauptamtliche Mitarbeiter



Entsprechend der unterschiedlichen Mitarbeiterzahl wurden die Kreisdienststellen von der Stasi in drei Kategorien eingeteilt: A / 84 Mitarbeiter, B / 51-83 Mitarbeiter und C / bis 50 Mitarbeiter. Diese Kategorisierung gab es sinngemäß auch für Wehrkreiskommandos, Volkspolizeikreisämter, Räte der Kreise usw. Diese Kategorisierung war von Bedeutung für die Einstufung leitender Personen hinsichtlich der Dienststellungsvergütung und dem erreichbaren Dienstgrad.







Die Kreisdienststellen beziehungsweise Objektdienststellen unterschieden sich im Grundsatz von den Bezirksverwaltungen durch eine andere Struktur, da sie ein in sich geschlossenes Gebiet nach geheimdienstlichen Gesichtspunkten komplex zu sichern und zu kontrollieren hatten. Die "Linienaufgaben" von Ministerium und Bezirksverwaltungen bündelten sich entsprechend in den Kreisdienststellen. Entsprechend dieser Verantwortung wurden die Leiter der Kreisdienststellen nur auf personlichen Befehl von Erich Mielke eingesetzt, abberufen. Sie waren für die operative Arbeit im Territorium ihres Kreises voll verantwortlich. Um dieses zu sichern, gab es eine direkte Verbindung vom Minister für Staatssicherheit zum jeweiligen Leiter einer Bezirksverwaltung und von diesem zu den Leitern der in seinem Zuständigkeitsbereich liegenden Kreisdienststellen, wohingegen zwischen den einzelnen Abteilungen auf zentraler, bezirklicher und Kreisebene kein Weisungsverhältnis bestand. Dadurch sollte verhindert werden, daß die Aufgaben von Diensteinheiten des Ministeriums und der Bezirksverwaltung, die sogenannten Linienaufgaben, den Kreisdienststellen übertragen werden konnten.
Derartige Versuche von "Linieneinheiten" gehen aus einem Referat von Erich Mielke am 26. Oktober 1988 / GVS MfS 0008-41/88 / hervor, in dem er sich zu den Kreisdienststellen / KD äußert: "Auch wenn Kreisdienststellen Aufgaben lösen, die ihrem Charakter nach auch grundsätzlichen Aufgabenstellungen von Linien / z. B. II, XVIII und XX / entsprechen und dazu auch Strukturen gebildet wurden, ist das nur eine Form der Spezialisierung in den KD. Diese KD-Mitarbeiter sind keine Linienmitarbeiter". Entsprechend der komplexen Aufgabenstellung der Kreisdienststellen bildeten die sogenannten Operativen Referate auf dieser Ebene die wichtigsten Struktureinheiten. Deren Anzahl und personelle Besetzung waren hauptsächlich von den konkreten Gegebenheiten des jeweiligen Kreises bestimmt. Fast ausnahmslos gab es in den Kreisdienststellen Operative Referate zur Spionageabwehr, zur Volkswirtschaft, zur Territorialsicherung sowie für Sicherheitsüberprüfung/Ermittlungstätigkeit. Grundsätzlich in allen Kreisdienststellen existierte ferner ein Referat "Auswertung und Information", das alle Informationen auswertete und einspeicherte.

Der Inhalt der operativen Arbeit der Kreisdienststellen wurde von Mielke in einem Referat vom 11. Oktober 1982 / GVS MfS 0008-12/82 / folgendermaßen charakterisiert: Die Kreisdienststellen haben "den Schutz der gesellschaftlichen Entwicklung und die staatliche Sicherheit der DDR im Kreis unter allen Lagebedingungen zuverlässig und allseitig zu gewährleisten". Aus seinem Referat während der Zentralen Parteiaktivtagung der Stasi vom 16. Mai 1986 / GVS MfS 0008-14/86 / geht eine Präzisierung dieser generellen Aufgabenstellung hervor, indem er feststellte:

Die Kreisdienstellen sind ein entscheidendes Instrument zur Sicherung unseres Arbeiter-und-BauernStaates, eine Basis der Macht. Von der erfolgreichen, willensstarken und aufopferungsvollen Arbeit der Angehörigen der KD, von der Qualität und Wirksamkeit ihrer politisch-operativen Arbeit, die sie für das gesamte MfS leisten, hängt sehr wesentlich ab, daß die politisch-operative Lage in unserer Republik auch weiterhin stabil bleibt und uns der Feind nicht überraschen kann.

Die Kreisdienststellen des MfS hatten das Kreisgebiet total zu kontrollieren. Alles was nach dem Auftrag an das MfS von Bedeutung war, mußte ausgespäht, überwacht, weitergeleitet werden. Hier wurde die flächendeckende Bespitzelung der Bevölkerung in krasser Weise offensichtlich.

Erich Mielke umriß diese Aufgaben auf der Zentralen Dienstkonferenz des MfS zur Arbeit der Kreisdienststellen am 26. 11. 1988 mit den Worten, "daß gegenüber früheren Jahren sich die sicherheitspolitische Bedeutung der sich aus der Grundaufgabe ergebenden politisch-operativen Aufgabenkomplexe und die Bedingungen ihrer Realisierung, insbesondere der dazu notwendige Kräfteeinsatz bedeutend veränderten. Es ist zu einer deutlichen Verschiebung der operativen Bedeutung und Wertigkeit der Aufgabenkomplexe untereinander gekommen. Mit der veränderten politisch-operativen Lage und daraus resultierenden veränderten bzw. neuen Sicherheitserfordernissen haben sich die Aufgaben der KD wesentlich erweitert".

Zu den erweiterten Aufgabenfeldern rechnete Mielke vor allem die:"
•  operative Kontrolle und Bekämpfung von im Sinne der politischen Untergrundtätigkeit wirkenden Kräfte im Innern der DDR
•  Verhinderung und Bekämpfung der von Übersiedlungsersuchenden ausgehenden Straftaten und anderen feindlichen Handlungen
•  Verstärkung der vorbeugenden, schadensabwendenden Arbeit und Realisierung von stabilitätsfördernden Maßnahmen in der Volkswirtschaft, einschließlich der Zurückdrängung des Brand-, Havarieund Störgeschehens sowie Organisierung des Geheimnisschutzes
•  Sicherung der Reise-, Auslands- und Verhandlungskader sowie der operativen Kontrolle der aus kommerziellen Gründen einreisenden Personen aus dem NSW (Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet, d. V.)
•  Durchführung von Sicherheitsüberprüfungen und der "Wer ist wer?"-Arbeit sowie damit verbundener Probleme des ungesetzlichen Verlassens der DDR
•  Verhinderung des Mißbrauchs von Städtepartnerschaften und Partnerschaftsbeziehungen von Universitäten und Hochschulen sowie der vielfaltigen Beziehungen auf ökonomischen, wissenschaftlichtechnischen, kulturellen und sportlichen Gebieten sowie daraus resultierenden Kontakten
•  Gewährleistung der Unverletzlichkeit der Staatsgrenzen
•  Einschätzung der Stimmung und Reaktion der Bevölkerung
•  Durchsetzung von Sicherheit und Ordnung bei der Vorbereitung und Durchführung gesellschaftlicher Höhepunkte sowie beim Schutz führender Repräsentanten der DDR und ihrer ausländischen Gäste."

Was Erich Mielke mit der Veränderung der Sicherheitserfordernisse meinte, sprach er deutlich auf der Dienstkonferenz zu den Aufgaben der Kreisdienststellen am 26. Oktober 1988 aus: "Demagogisch nutzen der Gegner und innere Feinde Begriffe wie Glasnost, Perestrojka, Bürgerrechte, Dialog, Pluralismus, Andersdenkende usw. aus, um antisozialistische, konterrevolutionäre Konzeptionen und Ziele zu ummänteln". Dadurch wird deutlich, daß Erich Mielke jede Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen in der DDR, ja selbst jede eine Kritik an Fehlern und Mißständen im Lande als feindliche Handlung ansah, deren Ziel die Beseitigung des Sozialismus in der DDR bestand. Da Mielke und das MfS im Auftrag der Parteiführung der SED handelten, brachte er damit nicht nur seine persönliche Meinung, sondern die offizielle Staatspolitik zum Ausdruck. Zu keiner Zeit bestand in der DDR die Bereitschaft zu einem Dialog mit oppositionellen Kräften innerhalb der DDR, ganz im Gegenteil, die Stasi wurde mit ihrer schonungslosen Bekämpfung beauftragt.




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Da sich nach dem Verständnis der SED-Führung oppositionelle Kräfte in der DDR fast ausschließlich nur aufgrund der politischen Beeinflussung von außen formieren konnten, galt es zu verhindern, daß solche Einflüsse wie etwa durch Städtepartnerschaften wirksam werden konnten. Am Beispiel der zunehmenden deutsch-deutschen Städtepartnerschaften kann man erkennen, wie Mielke aus den veränderten politischen Rahmenbedingungen neue Aufgaben für die Kreisdienststellen / KD der Stasi ableitete. In der Dienstkonferenz am 26. 11. 1982 führte Erich Milke dazu aus: "Eingeordnet in die Gesamtheit der subversiven Angriffe, der Wühl- und Zersetzungstätigkeit wird seitens des Gegners diesen Städtepartnerschaften ein besonderer Stellenwert eingeräumt. Wir sind mit nicht zu unterschätzenden massiven und teilweise raffiniert vorgetragenen Versuchen konfrontiert, die DDR-Zielsetzungen bei Städtepartnerschaften zu unterlaufen bzw. zu mißbrauchen. Verstärkte Aufmerksamkeit muß vor allem den Aktivitäten gelten, private Kontakte zu Vereinen, Verbänden und Einrichtungen wie Sportvereinen, Gartensparten sowie kulturellen Institutionen aufzunehmen, sogenannte Fachkontakte zwischen Spezialisten verschiedener Berufsgruppenn zu entwickeln, gezielt Persönlichkeiten aus den Bereichen Wissenschaft, Volksbildung und Kultur auf privater Basis einzuladen. Die Kreisdienststellen haben die Aufgabe, die sich auf diesem Gebiet bietenden neuen bzw. erweiterten Handlungsräume und Möglichkeiten für vielfältige subversive Aktivitäten des Gegners und feindlich-negativer Kräfte aufzudecken und wirksam zu durchkreuzen. Jegliche Anzeichen und Bestrebungen, unkontrollierte, nicht vereinbarte Kontakte aufzunehmen und subversiv zu mißbrauchen, sind unwirksam zu machen. Alle Hinweise über Wirkungen gegnerischer ideologischer Einflußnahme bei einzelnen Delegationsmitgliedern sowie über beachtenswerte Verhaltensweisen von DDR-Kontaktpartnern im Rahmen der Städtepartnerschaften sind systematisch zusammenzuführen und auszuwerten. Um jederzeit eine zentrale Übersicht über diesen Sicherungskomplex zu gewährleisten und erforderliche zentrale Maßnahmen einzuleiten und einheitliche Orientierungen für die Gestaltung der politisch-operativen Arbeit erarbeiten zu können, haben die KD in enger, abgestimmter Zusammenarbeit mit den Abteilungen XX der Bezirksverwaltungen über in ihrem Verantwortungsbereich gewonnene Erkenntnisse aktuell zu informieren. Die zuständigen Partei- und Staatsorgane sind über die gewonnenen Erkenntnisse zu informieren".


Die flächendeckende Beobachtung und Bespitzelung in der DDR konnte nur in enger Zusammenarbeit der Hauptabteilungen im Ministerium und der entsprechenden Abteilungen in den Bezirksverwaltungen mit den territorial organisierten Kreisdienststellen erreicht werden. Allein wären die KD dazu nicht mit den ihnen zur Verfügung stehenden hauptamtlichen Mitarbeitern in der Lage gewesen. Deshalb mußten andere Institutionen und Einrichtungen mit einbezogen werden, was nach dem kommunistischen Verständnis einer einheitlich organisierten Macht, die alle politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Teilbereiche des Systems umfaßte und dem Willen der Führung unterwarf, auch vollkommen selbstverständlich war. Das Zusammenwirken mit anderen staatlichen Organen, mit gesellschaftlichen Organisationen, mit Betrieben und Einrichtungen sowie deren Kaderabteilungen, mit den Staatsanwaltschaften, den Institutionen des Gesundheitswesens und den Örtlichen Räten im jeweiligen Verantwortungsgebiet gehörte zum Arbeitsprinzip aller Dienststellen der Stasi. Das Ziel dieser engen Kooperation und Durchdringung war eine Doppelung. Einerseits nutzten die Kreisdienststellen des MfS die Möglichkeiten der anderen Institutionen für die Lösung ihrer eigenen Aufgaben, zum Beispiel wenn die Stasi bewirken oder verhindern wollte, daß jemand eine bestimmte berufliche Position erlangte, andererseits ging es darum, die Sicherheitspolitik der SED-Führung auf diese Weise in den anderen Organen und Einrichtungen durchzusetzen.

Die Arbeitsweise der Kreisdienststellen / KD geht auch aus einem Referat Mielkes vom 15. Juli 1974 / GVS MfS 600/74 / hervor, in dem er unter anderem forderte: "Ich wies mehrfach darauf hin, daß der Qualifizierung und Verstärkung der operativen Einflußnahme zur weiteren Vervollkommnung des Zusammenwirkens der Kreisdienststellen mit anderen Organen und Einrichtungen grundlegende Bedeutung zukommt. Mit ihrer operativen Einflußnahme muß die KD dazu beitragen, daß die anderen Organe und Einrichtungen die ihnen übertragenen Aufgaben und obliegenden Pflichten immer besser erfüllen und ihre Befugnisse zur Gewährleistung von Ordnung und Sicherheit allseitig und konsequent nutzen. Die Verantwortlichen in anderen Organen und Einrichtungen sind so zu befähigen, daß sie der KD immer selbständiger und weitgehend lückenlos die politisch-operativ relevanten Informationen übermitteln, die bei der Lösung ihrer Aufgaben erarbeitet werden. Es ist darauf hinzuwirken, daß sie diesen Informationsbedarf / der KD / in eigene Weisungen umsetzen, die den Pflichten und Aufgaben sowie den üblichen Gepflogenheiten in diesen Organen entsprechen und Voraussetzungen dafür schaffen, daß die daraufhin von ihren Mitarbeitern erarbeiteten Informationen an bestimmten Stellen ihrer Einrichtung zusammenfließen und ausgewertet werden. Diese Knotenpunkte muß die KD wiederum inoffiziell in der Hand haben".
Die Realität hat gezeigt, daß diese Verfahrensweise über Jahre und Jahrzehnte hinweg nahezu reibungslos funktionierte, denn die große Autoritat der Diensteinheiten der Stasi stand bei anderen Organen, Betrieben und Einrichtungen zu keiner Zeit in Frage. Da es nur wenige Versuche gab, sich dieser Zusammenarbeit zu entziehen, konnten die Kreisdienststellen auf diese Weise ihre Informationsbedürfnisse weitgehend befriedigen. Warum sich Leiter von Betrieben oder anderen Einrichtungen dieser Art von Kooperation nicht entzogen haben, ist offen, zumal die Kreisdienststellen des MfS ihnen gegenüber keine festgeschriebenen Weisungsbefugnisse hatten. Dazu müssen die Rahmbedingungen und die Strukturen der Herrschaft in der DDR berücksichtigt werden, um es nachzuvollziehen, warum es in der Realität nur schwer möglich war, den von der Stasi gestellten Anforderungen nicht zu entsprechen.

Die Kreisdienststellen waren in der Regel durch Inoffizielle Mitarbeiter über die Situation in den betreffenden Einrichtungen und Betrieben bestens informiert. Die Stasi kannte die Probleme, den Stand der Planerfüllung, die Mängel und auch Versäumnisse in der Arbeit der Leitungen. Es war kein Zufall, sondern entspracht dem Wesen der Stasi, daß von allen in der ehemaligen DDR tätig gewesenen Inoffiziellen Mitarbeitern über 50 Prozent in den Verantwortungsbereichen der Kreisdienststellen arbeiteten, obwohl diese lediglich etwa 13 Prozent des hauptamtlichen Personalbestandes der Staatssicherheit verfügten. Darüber hinaus wurden von den Kreisdienststellen etwa 60 Prozent aller operativen Vorgänge des MfS zu einzelnen Personen bearbeitet. Den Leitern der staatlichen oder gesellschaftlichen Institutionen war es klar, daß die Kreisdienststellen der Stasi aufgrund ihrer direkten Verbindung zu den Kreisleitungen der SED, vor allem zu den Ersten Sekretären, die im Kreisgebiet nahezu unumschränkt herrschten, ihnen in mancherlei Hinsicht Unannehmlichkeiten bereiten konnten, sollten sie deren Wünschen nicht nachkommen. Und das bis hin zum Verlust ihrer Funktion.
Andererseits wußten die Leiter, daß sie, wenn sie die Kreisdienststellen über ihre Probleme informierten, über die regelmäßigen Lageberichte der Stasi manches an die Ersten Sekretäre der Kreisleitungen der SED heranbringen konnten, wozu sie auf anderen Wegen nicht oder kaum in der Lage gewesen wären. Die Kreisdienststellen des MfS mußten sich auf diese Weise neben ihrer eigenen Arbeit mehr und mehr mit Angelegenheiten beschäftigen, wofür eigentlich keine Zuständig vorhanden war. Mielke stellte daher in der  Konferenz vom 26. Oktober 1988 fest: "Es hat sich eine Entwicklung vollzogen, daß Leiter anderer staatlicher Organe, Betriebe und Einrichtungen sich zunehmend mit einer Vielzahl sie bewegender Probleme, nicht nur zu Fragen von Sicherheit und Ordnung, rat- und hilfesuchend an die Leiter der KD wenden. Die Leiter der KD sind zu regelrechten Konsultationspartnern geworden".

Was das Zusammenwirken mit den Ersten Sekretären der SED-Kreisleitungen betrifft, so wurden die Verbindungen zu ihnen ausschließlich durch die Leiter der Kreisdienststellen aufrechterhalten, die ihrerseits immer auch Mitglieder der SED-Kreisleitung waren. Sie berichteten den Ersten Sekretären in der Regel wöchentlich, meist mündlich, aber periodisch auch in schriftlicher Form über alles, was die Kreisdienststelle der Stasi im Kreisgebiet feststellen konnte. Diese Informationen reichten von Situationsberichten zur inneren Lage einzelner Industriebetriebe oder Einrichtungen der Landwirtschaft, des Handels und des Staatsapparates, über Berichte zur allgemeinen Stimmung in der Bevölkerung und zur Versorgungslage bis hin zur Information über die sogenannte politische Untergrundtätigkeit, über die Situation der lugendlichen sowie Einschätzungen über die Lage in den Kirchen und Religionsgemeinschaften. Die schriftlichen Berichte an die Ersten Sekretäre mußten so gestaltet sein, daß es nicht erkenntlich war, woher die Informationen im einzelnen stammten, Quellen wurden nicht genannt. Dadurch hatten die Ersten Sekretäre keinen direkten Einblick in die operative Tätigkeit der Kreisdienststellen. Sie wurden zum Beispiel auch nicht darüber unterrichtet, wie viele Inoffizielle Mitarbeiter es im Kreis gab, welche Personen operativ bearbeitet und welche technischen Mittel dafür eingesetzt wurden.

Die Beziehungen zwischen den Leitern der Kreisdienststellen des MfS und den Ersten Kreissekretären der SED waren nicht in allen Fragen und zu allen Zeiten völlig reibungslos. Dazu hat beigetragen, daß die Berichte der Kreisdienststellen in der überwiegenden Mehrzahl ungeschönt waren, also die tatsächliche Situation im Kreisgebiet widerspiegelten. Hieraus konnten Reibungspunkte entstehen. Die Leiter der Kreisdienststellen des MfS gewannen gegenüber ihren Vorgesetzten im Bezirk an Ansehen, wenn sie so genau wie möglich berichteten und sichtbar wurde, welche Schwierigkeiten sie dabei zu überwinden hatten. Die Ersten Sekretäre der SED dagegen lebten hinsichtlich ihrer Bewertung durch ihre Vorgesetzten davon, wieviel und welche Erfolge sie aufzuweisen hatten. Insofern störte sie mitunter die Berichterstattung durch die Stasi-Kreisdienststellen. Vor allem in den späten achtziger Jahren kam es besonders bei der Darstellung der Ursachen für die vielen Ausreiseanträge aus der DDR oft zu unterschiedlichen Einschätzungen. Während die Kreisdienststellen des MfS in ihren Berichten die Ursachen zunehmend aus der inneren Situation der DDR ableiteten, versuchten die Kreisleitungen der SED diese vorrangig dem "Klassengegner" auf der anderen Seite der Staatsgrenze zuzuschreiben. Insgesamt änderte diese teilweise verschiedene Interessenlage nichts daran, daß sich die Leitungen der SED, namentlich in den Kreisen, bedingungslos auf die Stasi-Diensteinheiten verlassen konnten.

Die Kreisdienststellen des MfS sicherten die SED-Führung im Territorium zuverlässig ab. Das  trifft  auch für die Mitarbeit des jeweiligen Leiters der Stasi-Kreisdienststelle in der sogenannten Kreiseinsatzleitung / KEL zu. Diese Einsatzleitungen waren auf der Grundlage eines Beschlusses des Nationalen Verteidigungsrates der DDR auf Bezirks- und Kreisebene zu bilden und hatten die Aufgabe, im Verteidigungszustand die gesamtstaatliche Leitung im Territorium wahrzunehmen. Der Kreiseinsatzleitung / KEL gehörten an: Der Erste Sekretär der SED-Kreisleitung  / Vorsitzender /, der Leiter des Wehrkreiskommandos der NVA, der Vorsitzende des Rates des Kreises, der Leiter des Volkspolizeikreisamtes, der Leiter der Kreisdienststelle des MfS, der Zweite Sekretär der SED-Kreisleitung und der Leiter Sicherheit der SED-Kreisleitung / Sekretär /.
Für den "Verteidigungsfall", dazu gehörte auch der innere Notstand, war vorgesehen, den Leiter der Kreisdienststelle des MfS unmittelbar dem Ersten Sekretar der Kreisleitung der SED und Vorsitzenden der Kreiseinsatzleitung zu unterstellen. In Friedenszeiten koordinierte die KEL die Vorbereitungsarbeit auf den Verteidigungszustand. Dazu periodisch Sitzungen, Schulungen und Kontrollen durchgeführt. Der Inhalt ihrer Tätigkeit war schwerpunktmäßig auf die Unterstützung der Streitkräfte und ihrer Mobilmachung, die Mobilmachung der Volkswirtschaft, den Schutz vor Waffenwirkungen und die Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Lebens gerichtet. Dem Stasi-Leiter der Kreisdienststelle fiel dabei die Aufgabe zu, die sicherheitspolitische Situation im Kreisgebiet zu analysieren und Maßnahmen zu treffen, um Aktionen feindlich gesinnter Kräfte im Verteidigungszustand oder in einer diesem vorgelagerten Spannungsperiode zu verhindern beziehungsweise zu zerschlagen. In diesem Zusammenhang gab er Informationen, meist mündlicher Art, an den Vorsitzenden der Einsatzleitung, der ja in Personalunion zugleich der Erste SED-Kreissekretär war. Auf der Bezirksebene war die Einsatzleitung sinngemäß genauso zusammengesetzt, Aufgabenstellung und Arbeitsweise waren analog geregelt. Die Vorsitzenden der Bezirkseinsatzleitungen waren die Bezirksparteisekretäre, zum Beispiel Hans Modrow für Dresden und Günter Schabowski für Berlin, die damit die Verantwortung für die Sicherheitspolitik im jeweiligen Bezirk mittrugen. Die den Einsatzleitungen zugeordneten Aufgaben zur Koordinierung und Kontrolle der Vorbereitungsarbeit auf den Verteidigungszustand hoben jedoch das Prinzip der Einzelleitung durch den Minister, also die Direktunterstellung, nicht auf.




Quelle: David Gill, Ulrich Schröter / Das Ministerium für Staatssicherheit / Anotomie des Milke-Imperiums / S. 56 - 66. / Rowohlt Verlag 1991.