Die Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt und Objektverwaltung "W" (Wismut)

Genaue Daten über eine Untersuchungshaftanstalt der Stasi in Chemnitz aus den frühen fünfziger Jahren sind bisher nur schwer ermittelbar. Ab 1953 ist eine "U-Haftanstalt II" des Ministeriums für Staatssicherheit in der Hartmannstraße 24 nachweisbar.

Das Gefängnis auf dem Kaßberg wurde 1886 als Königlich-Sächsische Gefangenenanstalt errichtet. Sie bestand aus dem Rund- und Verwaltungsbau mit den Flügeln A bis C. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die sowjetische Militäradministration ein. Seit 1957 betrieb die Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt ihre UHA in der Kaßbergstraße 12, einem großen Gefängnisgebäude, dessen anderer Flügel dem MdI als UHA (damals Dr.-Richard-Sorge-Straße, heute Hohe Straße) diente. Bis Ende 1962 wurde, vermutlich im gleichen Gefängniskomplex, auch eine eigene UHA der selbstständigen Objektverwaltung »W« (Wismut), die für die Uran fördernde Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft Wismut zuständig war, betrieben. Bis dahin war für die Strafverfolgung in diesem Bereich auch ein so genannter Bergbaustaatsanwalt zuständig.

Eine besondere Bedeutung erlangte die UHA Karl-Marx-Stadt ab Ende der sechziger Jahre, weil über diese zentrale "Drehscheibe" die Transporte der von der Bundesrepublik freigekauften politischen Häftlinge zusammengestellt wurden. Wahrscheinlich waren Größe und bauliche Gegebenheiten ausschlaggebend für die Auswahl von Karl-Marx-Stadt. Die Unterbringungs- und Verpflegungsbedingungen waren deutlich besser als in den anderen Untersuchungshaftanstalten des MfS bzw. als im Strafvollzug des MdI. Ab Ende der 1960er Jahre konzentriert das MfS hier sogenannte „Freikaufhäftlinge", die mit Bussen vom Gefängnishof aus zur Grenzübergangsstelle Wartha bei Eisenach und von dort aus in die Bundesrepublik gebracht werden.

Die Kapazität der Haftanstalt wurde 1989 mit 163 Zellen für 329 Untersuchungshäftlinge angegeben. Außerdem war Platz für 16 Männer und 25 Frauen eines Strafgefangenenarbeitskommandos vorgesehen. Dieses war für die Küche, die Wäscherei, aber auch für eine Schlosserei, eine Tischlerei und einen Schweinestall zuständig. Für Mitte der sechziger Jahre sind als Belegungszahlen nur 34 Untersuchungs- und 11 Strafgefangene überliefert. In den 1980er Jahren sitzen bis zu 700 Häftlinge gleichzeitig ein. Hinzu kamen 300 weitere im Haus D. Das wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg fertig gestellt und unterstand dem DDR-Ministerium des Innern (MdI).

Quelle: Johannes Beleites, Abteilung XIV : Haftvollzug (MfS-Handbuch), Herausgeber, BStU, Berlin 2009.




1963 wurden die ersten acht Häftlinge „freigekauft". In Anspielung auf den Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, der die Freikäufe im Auftrag der DDR-Regierung abwickelte, wurde die Chemnitzer Untersuchungshaftanstalt im Volksmund „Vogelkäfig" genannt. In dem für "Sonderaufgaben" bestimmten Verwahrtrakt B waren die Freikauf-Häftlinge untergebracht. Bis 1979 betrugt der Preis pro Häftling 40.000 DM, danach stieg der Preis auf rund 95.000 DM an. Zu Beginn zahlte die Bundesrepublik noch Bargeld, später wurden aus Ausgleich Wirtschaftsgüter geliefert. Für die DDR brachte dieser Menschenhandel Devisen und Waren im Wert von rund 3,5 Milliarden DM ein. Insgesamt gelangten 33.775 Menschen auf die Weise in die Bundesrepublik, allein 20 Prozent von ihnen kommen aus der Strafvollzugsanstalt Cottbus.

Heute sitzen in der JVA Kaßberg bis zu 200 Straf- und Untersuchungshäftlinge ein.


Der erste für diese Untersuchungshaftanstalt zuständige Leiter der Bezirksverwaltung (BV) in Karl-Marx-Stadt des Ministeriums für Staatssicherheit / MfS der DDR war von 1953 bis 1958 Hans Schneider. Als letzter Leiter in der BV war von 1958 bis 1989 Siegfried Gehlert im Rang eines Generalleutnants tätig.


Quelle: Jens Gieseke: Wer war wer im Ministerium für Staatssicherheit (MfS-Handbuch) Anatomie der Staatssicherheit, Geschichte - Struktur - Methoden, Herausgeber, BStU, Berlin 2012.