Das Stasi-Gefängnis / die eigene Untersuchungshaftanstalt / UHA / der Bezirksverwaltung / BV / des Ministeriums für Staatssicherheit / MfS / der DDR in Berlin befand sich im Stadtbezirk Pankow in der Kissingenstraße /




Hinter dem von 1902 bis 1906 gebauten Amtsgericht Pankow befand sich seit 1907 ein angeschlossener Gefängnisbau, der 1928 wegen einer zu geringen Insassenzahl wieder geschlossen wurde. Unter dem nationalsozialistischen Regime in Deutschland befand sich hier ab 1933 ein eingerichteter Stützpunkt der Pankower Sturmabteilung / SA / der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei / NSDAP /. 1945 nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wurde das Gebäude von der sowjetischen Militäradministration in der SBZ / Sowjetische Besatzungszone / beschlagnahmt und vom NKWD / Geheimdienst der UDSSR / wieder als Gefängnis in Betrieb genommen. 1947 wurde das Gefängnis von den Sowjets an die Abteilung der politischen Polizei / K5 / der neu gegründeten Deutschen Verwaltung des Innern / DVdI / übergeben. 1949 wurde das Gefängnis von der aus der K5 gebildeten "Hauptverwaltung zum Schutze der Volkswirtschaft" als Nachfolgeorganisation übernommen bis das Gefängnis schließlich endgültig 1950 in die Zuständigkeit des neu gegründeten Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR fiel.

Ab Anfang 1950 bis Ende 1989 wurde das Gefängnis als Untersuchungshaftanstalt von der Bezirksverwaltung Berlin genutzt. Im angrenzenden Gerichtsgebäude befand sich gleichzeitig das Stadtbezirksgericht Berlin Pakow. Betrieben wurde die U-Haftanstalt durch die für den Haftvollzug bei der Stasi zuständigen Abteilung XIV, die 1989 mit zuletzt 83 Mitarbeitern hier vertreten war. Das hier ebenfalls agierende Untersuchungsorgan der Stasi, die Hauptabteilung / HA / IX verfügte in dieser UHA über zahlreiche Räumlichkeiten für die Vernehmungen der hier inhaftierten Menschen. Gleichzeitig unterhielt die HA IX von hier aus einen ständig mit Mitarbeitern besetzten Stützpunkt im Berliner Polizeipräsidium in der Keibelstraße nördlich des Alexanderplatzes. Dort befand sich die UHA des Ministerium des Innern / MdI / welche auch von der Stasi genutzt wurde.


Die Untersuchungshaftanstalt der Berliner Bezirksverwaltung verfügte über 58 Zellen und Kapazitäten für 118 Stasi-U-Häftlinge, wobei zeitweiig in maximaler Ausnutzung bis zu 200 Haftlinge untergebracht wurden. Zu der UHA unterhielt die Stasi hier ein verhältnismäßig großes Strafgefangenenarbeitskommando, in dem zuletzt 38 Strafgefangene / Männer und Frauen untergebracht waren. Ihnen oblagen nicht nur die anfallenden Reinigungs-, Versorgungs- und Instandhaltungsarbeiten für die UHA, sondern auch handwerkliche Dienstleistungen für die Stasi-Mitarbeiter der BV in Berlin.








Die Untersuchungshaftanstalt in der Kissingenstraße wurde seit 1950 bis zum Ende 1989 immer wieder weiter optimiert, um- und ausgebaut. In den ersten Jahren nach 1950 waren das vornehmlich Instandsetzungsarbeiten des maroden Zustandes des Gebäudes selbst und die Umsetzung der durch die Stasi vorgegebenen eigenen Sicherheitsstandarts für die Untersuchungshaftanstalten des MfS. Die Zellen waren in den 70er und 80er Jahren alle mit Klappbett/en, Hocker/n, Waschbecken / kalt Wasser, Toiletten, Heizkörpern und einem schmalen Spind / oder Ersatz ausgestattet. In den Zellen zu einer Mehrfachbelegung war zusätzlich ein Tisch vorhanden. Die Zellentüren / Bretter der "Verwahrräume" waren mit einem Mehrriegelsystem, eingelassenen "Spionen" und einer Luke versehen, durch die Essen und Gegenstände in die Zelle gegeben wurden. Die Wände der 3 Meter hohen Zellen waren zur Hälfte mit grüner Ölfarbe gestrichen. In den 70er Jahren waren zwischen Fenster und Gitterstäben noch eine undurchsichtige Drahtglasscheiben angebracht, die den Blick nach draußen verwehrten. In der Anstalt existierten Duschräume, die in der Woche einmal durch die Häftlinge unter Aufsicht des Wachpersonals zumeist 5 Minuten benutzt werden durften. Die gesamten Fenstersysteme wurden in den Folgejahren auf die von der Stasi standartisierten Fenstersysteme aus Glasbausteinfkonstruktionen mit ingegrierter Frischluftklappe umbebaut. Im Keller entkoppelt gab es eine Zelle für den gesondert durchgeführten Arrest und ab der 80er Jahre drei Zellen in Form einer Camera silens zur total vollzogenen Isolation eines Menschen, die von der Stasi selbst als "Verwahrräume zur Beruhigung und Isolierung" benannt wurden. Für den in der Regel einmal täglich bei guter Wetterlage stattgefundenen 20 minütigen "Außenaufenthalt" gab es sieben Freigangkäfige a 24 Quadratmeter, zu deren Absicherung und Optimierung Anfang der 70er Jahre weitere Baumaßnahmen durchgeführt wurden. In der UHA gab es eine Ambulanz, Stomatologie, Röntgenraum, Gynäkologie und spätestens seit 1971 dazu einen einmal wöchentlich erscheinenden Arzt vor Ort, sowie einen ständig anwesenden Sanitäter für die medizinische Betreuung. Einmal im Monat hielt ein Zahnarzt aus dem Haftkrankenhaus der zentralen UHA I des MfS in Berlin-Hohenschönhausen eine Sprechstunde ab. Eine in allen Stasi-UHA erforderte "Stoplichtanlage" gab es mindestens seit Anfang der 70er Jahre. 1971 fanden bauliche Veränderungen im Bereich der Aufnahme und erkennungsdienstlichen Behandlung statt. 1988 wurden weitere Maßnahmen abgeschlossen, die eine Optimierung der Unterbringungng und Versorgung mit sich brachten. In der UHA gab es spätestens seit Mitte der 80er Jahre ein durchgehendes "Reißleinensystem" in allen sicherheitsrelevanten Bereichen. 1971 war der gesamte Zellentrakt vom übrigen Gebäudeteil durch einen technischen Sicherungsring abgeschlossen. 23 weibliche und 15 männliche Stasi-Häftlinge des SGAK arbeiteten in der hauseigenen Heizanlage, Küche, Werkstätt, Näherei und Wäscherei und dienten auch zur Realisierung von Dienstleistungen für die BV in Berlin. Im Gebäude befanden sich zusätzlich für Sprechertermine eingerichtete Besuchszimmer. Die Haftordnung galt im Vollzug als Regelwerk im Haftalltag der Wirklichkeit /






"Freistunde / Für einige Zeit raus aus dieser Gruft, frische Luft atmen, vielleicht andere Menschen sehen und sogar mit ihnen reden. Die Tür wurde aufgeschlossen. „Decke mitnehmen, da lang.“ Die roten Lampen brannten. Ich schritt, die Hände auf dem Rücken verschränkt, an den Wachen vorbei. Ich wollte sie nicht ansehen und blickte stur geradeaus, äußerlich gelassen. Draußen ging es ein paar Stufen hinunter, vorbei an Stahltüren. Sieben Freiluftzellen hintereinander. In eine kam ich. 2,50 m breit, 8 m lang, die Mauern 5 m hoch. Über der Tür ein Laufgang, auf dem ständig ein Posten hin - und herlief und auf die Gefangenen herunterstarrte - alles aus Beton, grau und düster und kalt / Man blickte auf das Gefängnis. Drei Stockwerke vergitterte Fenster - statt Glasscheiben waren Glasbausteine hinter den Gittern. Ich hatte mir die Decke umgehangen und lief zwischen den Mauern hin und her. Der Posten starrte von hoch oben auf mich runter. Alles war so schlimm grau und kalt: meine Decke, der Boden, die Mauern, die Tür, die Glasbausteine, die Gitter davor und der Himmel auch. In meinem Hals saß ein dicker Kloß. Ich konnte ihn nicht runterschlucken. Von der frischen Luft wurde mir schwindlig. Ich war froh, als die Tür aufgeschlossen wurde und ich in die stickige Zelle zurückkam. Sprechen konnte ich mit niemandem. Andere Gefangene sah ich nicht, obwohl ich sie in den Freiluftzellen neben mir hörte. Was sie redeten, verstand ich nicht. Dafür waren die Mauern zu hoch / Dann gab es Mittagessen, das wieder nach Plastik schmeckte. Die Zeit verging langsam, ich versuchte zu lesen, ja ich zwang mich dazu, wußte, ich muß mit der Situation fertigwerden. Ich muß, muß, muß, denn es gibt kein Entrinnen und niemanden, der mir hilft. Nachmittags wurde wieder die Zellentür aufgeschlossen / Links / Ich ging raus, wieder den Gang entlang, dann einen anderen Treppenflur hoch, vor mir wurden Gitter aufgeschlossen und knallten hinter mir wieder ins Schloß. Alle paar Schritte mußte ich stehenbleiben. Ich wurde in die dritte Etage geführt. Auf jeder Etage gab es zwei Gitter, also sechs insgesamt. Dann noch zwei Türen, ein Verschlag wurde aufgemacht, ein Meter mal ein Meter, drinnen ein Stuhl. / Gehnse rein! / Die Tür knallte zu -  Dunkelheit. Ich war kein Mensch mehr, auch kein Tier. Ich war / Links / Zelle 20 / Ich wurde behandelt wie ein Gegenstand. Ich saß in dem Holzverschlag, warum, wußte ich nicht. So eine Dunkelheit hatte ich noch nicht gekannt. Aber hier war es wenigstens wärmer als unten in der Zelle. Die Tür wurde aufgerissen, eine Handbewegung, ein heller, weißer Raum – das Artzzimmer / Setzen Sie sich. Fangen wir an. Die Personalien, Kinderkrankheiten, irgendwelche Beschwerden? / Ich antwortete, dann untersuchte mich der Arzt. Ein zweiter, ebenfalls im weißen Kittel, schrieb auf, was der untersuchende Kollege ihm sagte. Eine normale ärztliche Untersuchung in einem normalen Praxiszimmer - fast wie draußen. Fast / Der Posten wartete. Er war auch gestern dabei, als man mich herbrachte. Vom Dienstgiad her Unteroffizier, er schikanierte die Gefangenen. "Fischauge" nannten wir ihn, als ich später nicht mehr allein in der Zelle war. Wegen seines stechenden Blickes und seiner hervorquellenden Augen. / Wie alt sind Sie? / / Zwanzig / / Und weshalb sind Sie hier? / /  Staatsfeindliche Hetze, angeblich. / / Ja ja, dieses / angeblich / kennen wir schon. Sie könn' gehn / Ein Blick zu / Fischauge /  Dann saß ich wieder in dem Holzverschlag, wurde runtergeführt, aber nicht in die Zelle, sondern in einen anderen Raum / Fingerabdrücke / Dann mußte ich mich auf einen drehbaren Stuhl setzen und wurde von zwei Seiten fotografiert. Alles geschah schweigend. Beim Arzt konnte ich anfangs kaum reden. Es war schon ungewohnt geworden zu sprechen. Wer noch niemals Fingerabdrücke abgeben mußte, weiß nicht, wie entwürdigend eine solche Prozedur ist. Für mich war es bereits das dritte Mal, aber zum ersten Mal von der Stasi. Vorher war es die Polizei gewesen / Fischauge führte mich wieder in die Zelle, die Riegel krachten / Ich versuchte weiterzulesen. Kopfschmerzen hatte ich immer noch und das Summen der Neonlampen ging mir auf die Nerven / Abendessen / Ich würgte den Fraß rein, und dann wurde mir wieder schlecht / Ein langer sinnloser Abend lag vor mir. Draußen war es längst dunkel geworden, und ich war allein mit dem penetranten Summen der Neonlampe. Das Schlimmste neben dem Alleinsein im Gefängnis ist wohl, daß nichts passiert. Die Tage vergehen im grauen Gleichschritt. Heute ist gestern und gestern übermorgen. Man zählt die Tage, denn sie sind ja alle gleich, und freut sich über jeden Tag, der vorbei ist. Man kann nur mit zwei Menschen reden, richtig reden, mit dem Vernehmer und demjenigen, den sie vielleicht zu einem in die Zelle sperren. Jetzt habe ich einen Tag beschrieben, und so liefen die meisten ab" Karl-Ullrich Winkler







Stasi Berlin UHA Zelle 104
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Die Leiter der für diese Untersuchungshaftanstalt zuständigen Bezirksverwaltung (BV) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in Berlin waren von 1950 bis 1951 Karl Kleinjung, 1953 Gerhard Hanisch, folgend dann von 1954 bis 1956 Hans Fruck, von 1956 bis 1957 Martin Weickert, der auch gleichzeitig Stellvertreter des Ministers für Staatssicherheit war. Von 1957 bis 1974 Erich Wichert und 1974 bis 1986 Wolfgang Schwanitz, der später einer der stellvertretenden Minister für Staatssicherheit war. Als letzter Leiter war von 1986 bis 1989 Generalmajor Siegfried Hähnel in der BV in Berlin tätig.1




1 Jens Gieseke; Wer war wer im Ministerium für Staatssicherheit (MfS-Handbuch), BStU (Hrsg.), Berlin 2012.



Einige der in Pankow inhaftierten Menschen hatten die Erstvernehmung im Polizeipräsidium in der Keibelstraße am Alexanderplatz. Das betraf in erster Linie Menschen die wegen sogenannter "Republikflucht" teilweise aus dem sozialistischen Ausland zurückgeführt, erst in der Keibelstraße angeliefert wurden. In den Erstvernehmungen durch Stasi-Offiziere der Linie IX wurde dabei sofort festgestellt, ob es sich für die Stasi um "Fälle" von besonderem Interesse handelt. Dazu betrieb die Abt. IX der BV Berlin einen eigens dazu eingerichteten Stützpunkt im Polizeipräsidium, um so im Einzelfall eine Überführung in die UHA nach Pankow zu veranlassen.




Quellen: Karl-Ullrich Winkler, Zur Klärung eines Sachverhalts, Made in GDR, Aufbau Verlag, 1983 /  Timo Zilly, Folterzelle 36 Berlin-Pankow, Erlebnisbericht einer Stasihaft, Edition Hentrich, 1993 / Johannes Beleites, Abteilung XIV : Haftvollzug, MfS-Handbuch, Herausgeber, BStU, Berlin 2009 / Katrin Passens, MfS-Untersuchungshaft, Funktionen und Entwicklung von 1971 bis 1989, Lukas Verlag, August 2012.









Im Februar 1990 wurde die Untersuchungshaftanstalt der Bezirksverwaltung Berlin dem Ministerium des Innern / MdI / der DDR unterstellt und nach der Wiedervereinigung im Oktober 1990 geschlossen. Seit 1998 wird das Gebäude nach einem gründlichem Umbau als Justizvollzugsanstalt des Landes Berlin für die Untersuchungshaft von Frauen genutzt. Auf Anregung ehemaliger politischer Häftlinge wurden nach den Sanierungsarbeiten an der Anstalt von der Justizverwaltung Berlin zwei Tafeln zum Gedenken und zur Erinnerung angebracht /




Zum Gedenken / an die Opfer / kommunistischer Gewaltherrschaft / die zwischen 1945 und 1989 / in diesem Gefängnis / gelitten haben /