Walter Thräne


Walter Thräne:

Zehneinhalb Jahre wurde Walter Thräne als ehemaliger Stasi-Mitarbeiter in Einzelhaft streng isoliert der zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen als Nummernhäftling 595 inhaftiert.

Der 1926 in Voigtstedt im thüringischen Kreis Artern geborene Walter Thräne hatte Biologie und Chemie studiert, wurde Lehrer und avancierte zum Direktor einer Polytechnischen Oberschule. Eine Liebesaffäre des verheirateten Schulleiters mit einer jungen Kollegin nutzte die Stasi um ihn zur Mitarbeit bei der Stasi zu erpressen.

Ein paar Monate war Thräne bei der Stasi-Bezirksverwaltung Halle beschäftigt, dann wurde der gelernte Naturwissenschaftler nach Berlin in die neu aufgebaute MfS-Arbeitsgruppe "Wissenschaftlich-technische Auswertung" (WTA) versetzt. Die WTA wertete wissenschaftliche Schriften und Dokumente aus, welche die Stasi über Agenten im Westen beschafft hatte. Was von den fotokopierten Forschungsberichten für die DDR-Wissenschaft von Nutzen war, schrieb Thräne und seine Kollegen ab und deklarierte alles als DDR-Forschungsergebnisse. Bei der Stasi machte Walter Thräne Karriere: Als Unterleutnant war er nach Berlin gekommen, innerhalb von anderthalb Jahren wurde er zum Hauptmann befördert, schließlich war er stellvertretender Abteilungsleiter der WTA. "Seine Arbeitsergebnisse", heißt es in einer Beurteilung des MfS, "waren gut und hatten teilweise große Bedeutung für die Wirtschaft unserer Republik." 1959 wurde Thräne mit der "Verdienstmedaille der Nationalen Volksarmee" in Bronze ausgezeichnet.

Bei einer Dienstbesprechung Anfang 1962 geriet er bei Stasi-Minister Erich Mielke in Ungnade, als er den Sinn seiner Arbeit anzweifelte; Warum das MfS solche Anstrengungen unterneme, um im Westen Material zu beschaffen, da er der Meinung war, daß DDR-Wissenschaftler auch nicht dumm sind. Wenige Wochen später wurde er zur Hauptabteilung XIII (Verkehrswesen) zu weißen Flotte strafversetzt. Dort sollte er, wie er später sagte, "Menschen bearbeiten müssen, über sie Akten anlegen, ihre negativen Seiten kennenlernen, sie unter Druck setzen und für die Stasi anwerben müssen". Dies habe er, nachdem er bis dahin "nur" mit der Auswertung von Papieren zu tun gehabt hatte, nicht mit seinem Gewissen vereinbaren können, "und da gab es nur eine Möglichkeit" - Flucht.

Dabei kam Walter Thräne der Umstand zupaß, daß er noch einen von Mielke selbst unterschriebenen Dienstausweis als leitender Mitarbeiter der Stasi besaß, mit dem er den westlichen Teil des Bahnhofs Friedrichstraße betreten konnte. Auf diese Art verließen 1962 er und seine Geliebte Ursula Schöne den Ostberlin.

Nach Bekanntwerden der Flucht von Thräne wurde in internen Gutachten der Stasi 1962 der "effektive Schaden", den Thränes Flucht anrichtet hatte, auf fünf Millionen Westmark beziffert. Die Stasi mußte Aktionen abbrechen oder Agenten abschalten, die Thräne im Westen hätte verraten können. Konkrete Aussagen hätte Thräne unter anderem über zwei von ihm angeleitete Arbeitsgruppen machen können, die im Auftrag der Stasi in Westdeutschland spionierten.

Nach Walter Thräne und Ursula Schöne wurde dann international von höchster Ministerebene angewiesen gefahndet, bis sie schließlich in Östereich gefunden wurden und sofort vom MfS in einer sogenannten "Rückholaktion" entführt wurden. Sie wurden mit einem Doppeldecker der NVA über Prag nach Berlin geflogen und anschließend sofort in einem Kleintransporter ins Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen eingeliefert. Walter Thräne kam in die Zelle 102 unter strengster Isolation. Seine Geliebte in Zelle 232. Beide wurden dann über mehrere Monate durch das MfS vernommen. Während dieser Zeit kam Trähne mehrmals in Dunkelhaft. Die Verhöre von Walter Trähne leitete als Untersuchungsführer Erwin Pätzel.

Am 24. Januar 1963 wurden Thräne und seine Geliebte nach Neubrandenburg gebracht. In einer geheimen 12 minütigen Gerichtsverhandlung wurde Thräne zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, Ursula Schöne erhielt wegen Republikflucht 4 Jahre Freiheitsentzug.

Nach der Urteilsverkündung kam Thräne wieder nach Hohenschönhausen zuruck. In Hohenschönhausen kam Thräne wieder in die Zelle 102. Zehn Jahre verbrachte er als anonymer Nummernhäftling 595 in strenger Einzelhaft Er durfte weder Besuch empfangen noch Briefe schreiben. Die beiden benachbarten Zellen blieben während dieser Zeit leer, so daß durch die Stasi sicher gehen konnte, das Thräne auch in Nachbarzellen mit niemandem Kontakt (Klopfzeichen) aufnehmen konnte.

Die Untersuchungsabteilung IX befürwortete kurz vor Weihnachten 1970 ein von Thräne gestelltes Gnadengesuch. Erwin Pätzel hielt dazu in seiner Stellungnahme die extreme Vorgehensweise der Stasi im Fall Thräne fest: "Auf Grund der besonderen Umstände seiner Festnahme wurde das gesamte Verfahren unter strengster Geheimhaltung geführt, lediglich der Generalstaatsanwalt der DDR und der bereits verstorbene Richter Iaskowski vom Bezirksgericht Neubrandenburg wurden über die Existenz des Thräne informiert und dieser ohne Registrierung bei den Strafvollzugsorganen in der Untersuchungshaftanstalt I des MfS in Einzelhaft gehalten." Im Rahmen einer allgemeinen Amnestie, argumentierte Pätzel, könne Thräne "ohne Herbeiführung eines Gerichtsbeschlusses entlassen und eingegliedert werden, ohne die besonderen Geheimhaltungsmaßnahmen zu dekonspirieren".

Am 30. Januar 1973 wurde Thräne aus dem Stasi-Gefängnis entlassen. Er mußte sich vorher schriftlich verpflichten, über sämtliche Umstände seines Strafverfahrens, insbesondere über seine frühere Tätigkeit bei der Stasi, über Einzelheiten der Festnahme sowie über seinen Aufenthalt in der U-Haft-Anstalt gegenüber jeglichen Personen zu schweigen. Thräne wurde danach vom MfS nach Eisenhüttenstadt gebracht.

Walter Thräne verstarb am 9 November 1993 in Eisenhüttenstadt.

Quellen: DER SPIEGEL 5/27.01.1992, Der schreibt keine Karte mehr;


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