Sigrid Paul


Sigrid Paul:

Sigrid Paul gehört zu den Menschen, die vom Bau der Mauer besonders betroffen waren.

Sigrid Paul wurde 1934 in Dommitzsch/Elbe geboren. Sie erlernte Fachzahntechnikerin für spezialisierte Prothetik. 1957 heiratete sie Hartmut Rührdanz und siedelte zu ihm nach Ost-Berlin um. Im Januar 1961 wurde ihr gemeinsamer Sohn Thorsten geboren, der schwer erkrankte und auf Medikamente aus dem Westteil der Stadt angewiesen war. Als am 13. August 1961 die Mauer gebaut wurde, war das Kind plötzlich davon abgeschnitten. Nach einer lebensbedrohlichen Rückfallerkrankung wurde Thorsten in eine West-Berliner Klinik überwiesen. Die Eltern bekamen jedoch keine regelmäßige Besuchserlaubnis. Mit gefälschten Pässen versuchten sie beide daraufhin vergeblich, über Skandinavien aus der DDR zu fliehen.

Im Februar 1963 wurde Sigrid Paul auf offener Straße von der Stasi verhaftet, nachdem sie drei Studenten, die sie bei dem Fluchtversuch kennen gelernt hatte, bei sich hatte übernachten lassen. Diese hatten vor, durch einen Tunnel an der Brunnenstraße zu flüchten, was an das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) verraten worden war.

Nach ihrer Festnahme durch das MfS wurde sie 22 Stunden lang ununterbrochen verhört. Nach sechsmonatiger Untersuchungshaft verurteilte sie ein DDR-Gericht wegen Beihilfe zur Republikflucht zu vier Jahren Zuchthaus.

Als Strafgefangene musste sie bis August 1964 in der zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen in einem Strafgefangenenarbeitskommando (SGAK) arbeiten, das im Keller vom UHA / Neubau untergebracht war. Nach ihrem Freikauf durch die Bundesregierung wurde sie nicht in die Bundesrepublik, sondern in die DDR entlassen. Nach wie vor erhielt sie keine Genehmigung, in den Westen zu reisen. Als ihr Sohn endlich im Sommer 1965 nach Hause zurückkehren konnte, war er fast fünf Jahre alt und redete seine Mutter mit "Sie" an. Bis zum Fall der Mauer lebten sie gemeinsam in Ost-Berlin. Ihr Schicksal wurde u.a. in dem preisgekrönten Dokumentarfilm Zersetzung der Seele von Nina Toussaint und Massimo Iannetta (Belgien/Deutschland 2002) dargestellt. Sigrid Paul starb am 19.06.2011 im Alter von 77 Jahren.

Literatur; Paul, Sigrid: Mauer durchs Herz, Berlin 2007, ISBN 978-3-00-021292-5; Funder, Anna: Stasiland, Hamburg 2004, S. 264-279; Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen (Hg.): Die vergessenen Opfer der Mauer. Flucht und Inhaftierung in Deutschland 1961-1989. Berlin o. J., S. 41; Materialien der Enquete-Kommission: Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit, Bd. II/1, S. 156-159; Nooke, Maria: Der Verratene Tunnel. Geschichte einer verhinderten Flucht im geteilten Berlin 2002, S. 97 ff.


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