In der formalen Betrachtung beginnt die Geschichte des Ministeriums für Staatssicherheit am 8. Februar 1950. An diesem Tag wurde durch das Parlament der neu gegründeten Deutschen Demokratischen Republik (DDR) das Gesetz zur Bildung eines selbstständig durch die SED zu führenden Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in der DDR verabschiedet.








Tatsächlich betrachtet beginnt die Geschichte der Stasi erheblich früher. Als Ursprung ist in der tatsächlichen Betrachtung die russische Oktoberrevolution von 1917 zu sehen. Die bei diesem militärischen Umsturz an die Macht gekommenen russisch kommunistischen Bolschewiki errichteten unter der Führung von Lenin einen sowjetischen Staat ein, der sich selbst als als die "Diktatur des Proletariats" verstand. In Folge dessen wurde dazu eine "Außerordentliche Kommission für den Kampf gegen die Konterrevolutionäre und Sabotage", eine als "Tscheka" bezeichnete sowjetische Geheimpolizei unter der Leitung von Felix Dserschinski gebildet. Das Ziel dieser Tscheka war die Ausschaltung von politischem Widerstand durch Gewalt und die landesweite Durchsetzung des Machtmonopols der kommunistischen Partei. Diese Tscheka war nicht nur im Ursprung der Vorläufer der Stasi, sondern auch das selbsterklärte Vorbild des Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR.
Nach Lenin wurde unter dem folgenden sowjetischen Parteichef Josef Stalin der Terror dieser als Geheimpolizei agierenden Tscheka zum wichtigsten Kennzeichen der kommunistischen Diktatur in der Sowjetunion. Der Terror richtete sich nicht nur gegen echte oder vermeintliche Gegner der Sowjetmacht, sondern auch gegen Millionen von Unbeteiligten und sogar gegen überzeugte Anhänger und Funktionäre der Diktatur. Allein während der "Großen Säuberung" in den Jahren 1937 bis 1938 wurden in der Sowjetunion 1,3 Millionen Menschen zum Tode oder zu langjähriger Lagerhaft verurteilt.
Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieg hielt in den durch die Rote Armee besetzten Ländern auch die sowjetische Geheimpolizei Einzug. Sie war es, die den Aufbau kommunistischer Diktaturen nach Moskauer Vorbild durchsetzte. In der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) in Deutschland setzten die sowj. Volkskommissariate bzw. Ministerien für Inneres und für Staatssicherheit (NKWD/NKGB und MWD/MGB) dazu so genannte operative Abteilungen und Gruppen ein, die in den ersten Nachkriegsjahren Zehntausende Verhaftungen vornahmen. Sie beschlagnahmten dazu nicht nur fast alle größeren Gefängnisse, sondern auch zahllose andere Gebäude, in deren Kellern die Festgenommenen brutal verhört wurden. Über 150 000 Deutsche kamen seinerzeit in eines der insgesamt zehn Speziallager auf dem Gebiet der SBZ, zu denen neben den Konzentrationslagern in Buchenwald und Sachsenhausen auch das Speziallager Nr. 3 in Berlin-Hohenschönhausen gehörte. In diesen Lagern starben etwa ein Drittel der Menschen während der Haft. Folgend zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert kam etwa die Hälfte der Menschen dabei ums Leben.








Unter Aufsicht der sowjetischen Besatzungsmacht bauten die Funktionäre der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) in der SBZ bald auch einen eigenen Polizeiapparat auf. 1946 wurde dazu die Deutsche Verwaltung des Innern (DVdI) gegründet. Für politische Delikte waren innerhalb der DVdI die so genannten Kommissariate (K) 5 zuständig, die nun selbst eine wachsende Zahl von Verhaftungen vornahmen. 1949 wurden die K5 aus der allgemeinen Kriminalpolizei herausgelöst und in die "Hauptverwaltung zum Schutz der Volkswirtschaft" umbenannt, deren Leitung Erich Mielke übernahm. Im Februar 1950 entstand daraus das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR, an dessen Spitze als erster Minister für Staatssicherheit Wilhelm Zaisser trat, während Erich Mielke Staatssekretär wurde.
Nach sowjetischen Vorbild hatte die Stasi in der DDR zunächst vor allem die Funktion einer nach innen gerichteten Geheimpolizei. Die Kommunisten, die 1946 die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) gebildet hatten, waren nicht durch demokratische Wahlen an die Macht gekommen und sahen sich von zahlreichen Feinden bedroht und bauten den Sicherheitsapparat entsprechend rasch aus. 1953 hatte sich mit 12976 hauptamtlichen Mitarbeitern der Personalbestand des MfS  zu den 1950 beschäftigten 2700 Mitarbeitern annähernd verfünffacht. Die Gestapo hatte für das gesamte Deutsche Reich etwa 7000 Mitarbeiter beschäftigte. Zwischen 1950 und 1952 warb das MfS in der DDR rund 30 000 geheime Informanten (IM) an.
Die Arbeit der Stasi richtete sich gegen alle Formen des politischen Widerstands. Christdemokraten, Liberaldemokraten und Sozialdemokraten wurden ebenso verfolgt wie kritische Studentengruppen oder abtrünnig gewordene Kommunisten. Die Stasi bekämpfte Organisationen wie die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU), den Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen (UfJ) oder die Ostbüros von CDU, SPD und FDP, die den Widerstand gegen die SED-Diktatur aus Sicherheitsgründen zunehmend vom Westen aus organisierten. 1952 verkündete der amtierende Parteichef Walter Ulbricht den "Aufbau des Sozialismus" und eine "Verschärfung des Klassenkampfes", woraufhin hunderte Bauern und Unternehmer verhaftet wurden, um an ihren Besitz zu gelangen. Tausende von Arbeitern kamen wegen angeblicher Wirtschaftsvergehen in Haft. Im Zuge der von Moskau forcierten Verfolgungen wurden selbst ranghohe Politiker wie der DDR-Außenminister Georg Dertinger (CDU) oder das langjährige SED-Politbüromitglied Paul Merker verhaftet. Obwohl man die Zuchthäuser durch mehrere Massenentlassungen geleert hatte, saßen in der DDR 1953 rund 67 000 Menschen in Haft.








Trotz, oder auch wegen dieser Repressalien kam es am 17. Juni 1953, drei Monate nach Stalins Tod, überraschend zu einer Volkserhebung in der DDR. Hunderttausende Menschen gingen auf die Straßen und besetzten Rathäuser, Parteizentralen und Gefängnisse. In mehreren Orten wurden auch die Kreisdienststellen (KD) des Staatssicherheitsdienstes gestürmt. Nur durch das Eingreifen der Roten Armee konnte der Aufstand niedergeschlagen werden; zugleich setzte eine neue Verfolgungswelle ein. Mindestens 13 000 Menschen wurden festgenommen und über 1600 zu oft mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Für den Ausbruch der Unruhen machte Walter Ulbricht seinen innerparteilichen Widersacher Wilhelm Zaisser als amtierenden Minister für Staatssicherheit verantwortlich, der daraufhin im Juli 1953 entlassen wurde. Zum neuen Leiter des Staatssicherheitsdienstes wurde 1953 Ernst Wollweber ernannt. Er bekleidete dazu anfangs nur den Rang eines Staatssekretärs, da die Geheimpolizei nach sowjetischem Vorbild vorübergehend ins Innenministerium eingegliedert wurde. Wollweber bekam von der SED als ersten Auftrag, die westdeutschen "Hintermänner" zu suchen, die den Aufstand vom 17. Juni angeblich angezettelt hatten. Vor allem aus diesem Grund baute Wollweber die Westarbeit der Staatssicherheit stark aus. Der bisher unabhängige Spionagedienst unter Markus Wolf wurde Teil der Geheimpolizei und blieb es bis zur Auflösung der Stasi. Mehrere Hundert Regimegegner und Überläufer, darunter allein 120 geflüchtete MfS-Mitarbeiter, wurden nach und nach im Westen gekidnappt, in die DDR gebracht und zu langen Haftstrafen verurteilt. Zwar gab es nach dem XX. Parteitag in der Sowjetunion im Sommer 1956 ein kurzes Tauwetter in der DDR, doch zum Jahresende, nachdem sowjetische Truppen in Ungarn den Aufstand niedergeschlagen hatten, verschärfte sich der Kurs erneut. Eine Reihe prominenter Reformkommunisten, darunter auch der Philosoph Wolfgang Harich und der Verleger Walter Janka, die verhaftet wurden, und in das zentrale Stasi-Gefängnis BerlinHohenschönhausen kamen. Ein Jahr später musste auch Wollweber gehen, weil er sich Walter Ulbricht nicht bedingungslos genug untergeordnet hatte.








Im November 1957 trat Erich Mielke an die Spitze des Staatssicherheitsdienstes, der Mann, der die Stasi wie kein anderer prägte und nun wieder den Titel eines Ministers führte. Schon kurz nach seinem Machtantritt wurden die sowjetischen "Berater", die die Geheimpolizei der DDR bis dahin mehr oder weniger gesteuert hatten, auf einige Verbindungsoffiziere reduziert. Zugleich begann die ungeheure Aufblähung des Stasi-Apparates. Am Ende von Mielkes über dreißigjähriger Amtszeit hatte die Stasi 1989 mit 91000 hauptamtlichen Mitarbeitern Armeestärke erreicht. Statistisch kam damit ein Stasi-Mitarbeiter auf 180 DDR-Bürger, womit man nicht nur Polen (1:1574), sondern auch die Sowjetunion (1:595) weit hinter sich ließ. In der alten Bundesrepublik kam zu diesem Zeitpunkt ein Geheimdienstmitarbeiter auf etwa 4000 Bürger. Zur Stasi gehörten darüber hinaus rund 180 000 Inoffizielle Mitarbeiter (IM), die in der DDR als geheime Informanten praktisch flächendeckend überwachend tätig waren. Fast jedes Jahr wuchs sein Etat der Stasi um mehr als hundert Millionen Mark und belief sich im Jahr 1989 schließlich auf über vier Milliarden. In diesen Zahlen drückt sich das tiefe Misstrauen der SED-Diktatur gegenüber der eigenen Bevölkerung aus, ein geradezu paranoides Sicherheitsdenken, das den Anspruch verfolgte, möglichst alle Gefahren für die SED-Herrschaft frühzeitig zu erkennen und bereits vorbeugend auszuschalten.








Bis zum Mauerbau 1961 kämpfte die Stasi vor allem gegen die massenhafte Fluchtbewegung von Ost nach West. Da offener politischer Widerspruch nicht nur ausgesprochen riskant, sondern anscheinend auch zwecklos war, führte die immer stärker werdende Unzufriedenheit in der Bevölkerung zu einer Art Abstimmung mit den Füßen. Dadurch verlor die DDR praktisch in jedem Jahr die Einwohneranzahl einer kompletten Großstadt. Bis zur Schließung der Sektorengrenzen durch den Mauerbau in Berlin am 13. August 1961 waren das insgesamt 2,7 Millionen Menschen.

Obwohl die Staatssicherheit behauptete, die "feindlichen" Bestrebungen in der DDR seien ausnahmslos vom Westen inspiriert worden, kam es auch nach der Abriegelung der Berliner Sektorengrenzen zu keinem Rückbau des Stasi-Apparates. Im Gegenteil, die sechziger und siebziger Jahre waren die Phase der größten Expansion in der Geschichte des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in der Deutschen Demokratischen Republik / DDR. Neben der klassischen Unterdrückungsfunktion übernahm der Staatssicherheitsdienst in dieser Zeit eine Reihe neuer Aufgabenbereiche. So gehörte die Passkontrolle an den Grenzen nun ebenso zu seinen Aufgaben wie die Überwachung des allmählich wieder einsetzenden deutsch-deutschen Reiseverkehrs. Verstärkt agierte die Stasi auch in den volkseigenen Betrieben, wo sie sich mit Sicherheitsbeauftragten und zahlreichen Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) verankerte. Zudem übernahm die Stasi mit der Hauptabteilung Personenschutz (PS) den Schutz und die Versorgung der SED-Siedlung für das Politbüro in Wandlitz und anderer Stasi eigener Einrichtungen in der DDR. In diesem Zusammenhang spielte das von dem Stasi-Offizier im besonderen Einsatz (OibE) Alexander Schalck-Golodkowski geleitete KoKo-Imperium eine wichtige Rolle, ein Netzwerk von Unternehmen, das durch illegale Geschäfte Millionen Devisen für die DDR erwirtschaftete. Auch außerhalb der DDR verstärkte die Stasi die Aktivitäten. Ab Mitte der sechziger Jahre wurden über 3500 so genannte Einzelkämpfer für Sabotageaktionen im Westen ausgebildet. Nach der völkerrechtlichen Anerkennung der DDR (1972) bekam die Stasi den Auftrag, die neu akkreditierten westlichen Diplomaten und Journalisten zu überwachen. Kurz darauf wurde zur Terrorabwehr die HA XXII gebildet, die auch Terroristen der Rote Armee Fraktion (RAF) ausbildete und ihnen Unterschlupf gewährte. Selbst in der Dritten Welt wurde das MfS aktiv, indem es half, zum Beispiel in Cuba und Nicaragua die Geheimpolizei mit aufzubauen.

Obwohl es in der DDR in dieser Zeit kaum noch offenen politischen Widerstand gab, sah die Stasi ihre Aufgabe auch weiterhin darin, "feindliche" Bestrebungen ausfindig zu machen, abzuwehren und zu zerschlagen. Im Zusammenhang mit der Niederschlagung des "Prager Frühlings" durch sowjetische Truppen leitete die Stasi folgend alleine 1968 über fünfhundert Ermittlungsverfahren gegen DDR-Bürger ein, die ihre Sympathie mit dem sozialistischen Reformkurs in der Tschechoslowakei bekundet hatten. Auch die Proteste gegen die Ausbürgerung des in der DDR lebenden Liedermachers Wolf Biermann 1976 führten zu einer erneuten Verhaftungswelle durch die Stasi.








Politische Resignation und verstärkte Überwachung im Vorfeld führten in den siebziger Jahren zu einem Rückgang von Inhaftierungen durch die Stasi. Während in den fünfziger Jahren durchschnittlich rund 3200 Ermittlungsverfahren pro Jahr eingeleitet wurden, reduzierte sich die Zahl nunmehr auf fast die Hälfte. Erst in den achtziger Jahren stieg sie wieder auf 2500 an, vor allem, weil es immer mehr aufgedeckte Fluchtversuche und eine wachsende Anzahl hartnäckiger Ausreiseantragsteller gab. So warteten 1985 / 50000 und 1989 sogar 125000 Bürger der DDR auf ihre Ausreise in den Westen, obwohl die SED etwa 250000 Übersiedlungswünschen stattgegeben hatte, einem Sprengsatz, der zum Zusammenbruch der DDR entscheidend mit beigetragen hat. Der erneute Anstieg der Verhaftungen brachte zudem zusätzliche Devisen ins Land, denn für jeden freigelassenen politischen Häftling zahlte die Bundesrepublik im Zuge von Verhandlungen zu einem Freikauf seit Anfang der sechziger Jahre. Auf diese Weise verdiente die DDR umgerechnet etwa 1,75 Milliarden Euro für knapp 34 000 Gefangene.

Die Entspannung zwischen Ost und West, die sich in diesen und anderen Geschäften ausdrückte, führte auch in den späten Jahren der DDR nicht zu einem Abbau des Stasi-Apparates. Im Gegenteil: Der Staatssicherheitsdienst sah in den verstärkten deutsch-deutschen Kontakten neue Gefahren für das SED-System und intensivierte seine Überwachungsaktivitäten. Aus Rücksicht auf die internationalen Reaktionen verlagerte das MfS die Kontrolle der Bevölkerung jedoch noch stärker ins Vorfeld, um Schüsse an der Grenze oder spektakuläre Verhaftungen nach Möglichkeit zu vermeiden. Neben dem flächendeckenden Netz geheimer Informanten diente auch die verstärkt systematisch durchgeführte Kontrolle des Post und Telefonverkehrs. Mit eigens entwickelten Apparaturen öffnete man täglich etwa 90000 Briefe und hörte allein in Ost-Berlin rund 20000 Telefonanschlüsse ab. Tausende Bürger wurden zudem in so genannten Operativvorgängen (OV) oder Operativen Personenkontrollen (OPK) überwacht und mit unsichtbaren "Zersetzungsmaßnahmen" überzogen. So bearbeitete die Stasi in den späten achtziger Jahren jährlich knapp 5000 OV und führte rund 8000 OPK zum Abschluss.

Bei Großereignissen wie den jährlichen zum 1. Mai stattfindenden Kundgebungen herrschte regelmäßig eine Art Ausnahmezustand, bei dem Massen von Sicherheitskräften zum Einsatz kamen. Allein beim DDR-Besuch des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt im Dezember 1981 sorgten über 33000 Mann dafür, dass nichts Unvorhergesehenes geschehen konnte,  die spontanen "Willy! Willy!" Rufe beim Besuch von Bundeskanzler Willy Brandt 1970 in Erfurt waren der SED-Führung noch in unangenehmer Erinnerung. Darüber hinaus traf die Stasi umfangreiche Vorkehrungen für den Spannungsfall, in dem etwa 11 000 als "feindlich" eingestufte Bürger der DDR vorsorglich in sogenannte Isolierungslager der Stasi eingeliefert werden sollten.








Wenn es den Bürgern auch anders erscheinen mochte, war die Stasi keineswegs ein Staat im Staate, die tun konnte, was sie wollte. Seine Anweisungen erhielt sie vielmehr von der  SED,  als deren „Schwert und Schild“ sich die Stasi selbst verstand. Die langfristigen Aufgaben waren wie alles in der DDR in Plänen fixiert, die das Zentralkomitee (ZK) der SED in Kraft setzte und die den Rahmen für Erich Mielkes zentrale Planvorgaben bildeten. Politisch angeleitet wurde die Stasi von der Abteilung Sicherheit des ZK und von einer eigenen SED-Kreisorganisation im Ministerium. In der Praxis war es freilich in erster Linie der jeweilige SED-Leiter selbst, der die Grundlinien der Arbeit bestimmte und dem Minister für Staatssicherheit auch in einzelnen Fragen Anweisungen erteilte. In den Bezirken und Kreisen der DDR gab es ein ähnliches Abhängigkeitsverhältnis der Stasi zur SED, da der örtliche Vorsitzende der SED nicht nur die höchste politische Autorität, sondern auch gleichzeitig Leiter der so genannten Einsatzleitungen war. Während in den fünfziger Jahren das Politbüro über Festnahmen und Todesurteile noch förmliche Beschlüsse fasste, erörterten Erich Honecker und Erich Mielke ab Anfang der siebziger Jahre aktuelle Sicherheitsfragen nur noch nach den Sitzungen in Gesprächen unter vier Augen.

Als wichtigstes Sicherheitsinstrument der Partei besaß das MfS in der DDR eine Machtfülle, wie sie nur in totalitären Staaten möglich ist. Die Stasi vereinte in sich nicht nur den Inlands- und den Auslandsnachrichtendienst, die in der Bundesrepublik strikt von einander getrennt arbeiten, sondern übte zugleich auch die Befugnisse von Polizei und Staatsanwaltschaft aus. So konnte die Stasi gleichzeitig Telefone abhören, Briefe abfangen, geheime Informanten einsetzen, Ermittlungsverfahren dann durchführen, Festnahmen vornehmen, Beschuldigte in eigene Gefängnisse inhaftierten, die Vernehmungen vornehmen und die Verfahren dann anschließend bis zur Anklage bringen. Durch das engmaschige Informantennetz und dem Zugriff auf praktisch alle staatlichen Institutionen, von der Schule über den Arzt bis zu den so genannten volkseigenen Betrieben, übte die Stasi in der DDR über die Bürger eine fast lückenlose Kontrolle aus. Auch die zentral angeleitete Justiz in der DDR folgte in der Regel dem, was vom MfS vorgegeben wurde, und selbst der Strafvollzug wurde von der Stasi durch IM und OibE insgeheim überwacht und gesteuert. Eine parlamentarische Kontrolle des Staatssicherheitsdienstes gab es ebenso wenig wie die Möglichkeit, ein Verwaltungsgericht gegen die Maßnahmen der Stasi in Anspruch zu nehmen.

Trotz seines plumpen Auftretens galt Erich Mielke im MfS als unangefochtene Autorität. Er war nicht nur oberster Befehlshaber des militärisch aufgebauten Apparates, sondern zwang seine Umgebung auch zu extremer Kritiklosigkeit und Liebedienerei. Ihm zur Seite standen vier Stellvertreter, darunter Spionagechef Markus Wolf, die wie Mielke selbst jeweils mehrere Abteilungen anleiteten.








Das Ministerium gliederte sich in mehr als sechzig Diensteinheiten mit unterschiedlichen Aufgaben: Die Hauptabteilung I war z.B. zuständig für die Überwachung des DDR-Militärs, während die Hauptabteilung II für die „Spionageabwehr“ verantwortlich zeichnete,  die freilich vor allem in der vorbeugenden Ausforschung Tausender unbeteiligter Bürger bestand. Die Hauptabteilung III überwachte den Äther und hörte dabei u.a. die Autotelefone und Ferngespräche in der Bundesrepublik ab, darunter auch die des Bundeskanzlers. Die Hauptabteilung VI kontrollierte an den DDR-Grenzen die Pässe, während die Hauptabteilung VII für die Überwachung von Polizei und Innenministerium zuständig war. Die Hauptabteilung VIII nahm Observationen und Verhaftungen vor, die Hauptabteilung IX führte die Ermittlungsverfahren des MfS durch. Zu den bedeutenderen Diensteinheiten gehörten ferner die Abteilung XIV (Untersuchungshaft und Strafvollzug), die Hauptabteilungen XVIII (Volkswirtschaft), XIX (Post und Verkehr], XXII (Terrorabwehr) und XX (Staatsapparat, Kirche, Kunst, Kultur, Opposition), die wie keine andere für die Überwachung und Verfolgung SED-kritischer Bürger verantwortlich war. Von großer Bedeutung waren aber auch die unterstützenden Diensteinheiten wie die Abteilungen 26 (Telefonüberwachung) und M (Postkontrolle) oder der Operativ-Technische Sektor (OTS), der die Überwachungstechnik herstellte. Sieht man vom Wachregiment (WR) mit seinen über 11 000 Soldaten ab, hatte die Hauptverwaltung A (HV A), die den Westen ausspionierte, mit zuletzt 3819 Mann die meisten Mitarbeiter.








Der Grund dafür lag darin, dass SED und MfS schon aus ideologischen Gründen für jedes hausgemachte Problem in erster Linie den „Klassenfeind“ in der Bundesrepublik verantwortlich machten. Die Arbeit in und nach dem „Operationsgebiet“, wie man den Westen nannte, galt folglich als eine der Hauptaufgaben des MfS. Mielke zufolge kam es dabei darauf an, „alles zu erkunden und zu nutzen, was der Politik der Partei gegenüber der BRD und Westberlin nützt, und alles aufzuklären, was dieser Politik entgegenwirkt und was sich gegen unsere Republik richtet“. Außer den Abhöranlagen an den Grenzen und in der Bonner diplomatischen Vertretung diente diesem Zweck ein Netz von etwa 20000 bis 30000 Bundesbürgern, die im Lauf von vier Jahrzehnten als IM geführt wurden. Sie verteilten sich auf alle wichtigen Bereiche des gesellschaftlichen Lebens und beschafften Informationen aus Wirtschaft, Politik, Militär, Geheimdiensten und anderen „feindlichen Stellen“. Allein zwischen 1969 und 1987 wurden über 180000 Eingangsinformationen registriert, jede zweite leitete man an den sowjetischen Geheimdienst weiter. Mit Einflussagenten und so genannten „aktiven Maßnahmen“ versuchte das MfS auch auf die politische Entwicklung in der Bundesrepublik einzuwirken, vor allem durch die Unterstützung von Protestbewegungen, durch IM im politischen Raum und durch die Inszenierung von Kampagnen gegen unliebsame Politiker. So bewahrte der Staatssicherheitsdienst den früheren Bundeskanzler Willy Brandt 1972 vor dem Sturz, indem er zwei Bundestagsabgeordnete der Union dazu veranlasste, beim damaligen Misstrauensvotum gegen den Kandidaten der eigenen Partei zu stimmen. CDU-Politiker wie der frühere Bundespräsident Heinrich Lübke oder der einstige Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier traten hingegen zurück, nachdem ihnen das MfS in jahrelangen Kampagnen eine Verstrickung in den Nationalsozialismus vorgeworfen hatte.








Das MfS verfügte dabei nicht nur in Berlin über einen ausdifferenzierten Apparat, dessen Zentrale ihren Sitz in dem riesigen Gebäudekomplex rund um die Normannenstraße hatte. Sein organisatorisches Netz reichte vielmehr bis in die Bezirke und Kreise der DDR, wo es jeweils eigene MfS-Dienststellen gab. In jedem der insgesamt 15 Bezirke, auch in Berlin, gab es eine Bezirksverwaltung (BV) des MfS, die über ähnliche Abteilungen wie die Zentrale verfügte und auch ein eigenes Untersuchungsgefängnis besaß. Die Hauptverantwortung für die „Sicherheit im Territorium“ lag jedoch bei den 218 Kreisdienststellen (KD) des MfS mit ihren rund 11000 Mitarbeitern, die allein über die Hälfte aller IM lenkten. In einigen herausgehobenen Betrieben gab es zusätzlich noch so genannte Objektdienststellen, beispielsweise bei Carl-Zeiss-Jena oder im Chemischen Kombinat Bitterfeld. Diese örtlichen und regionalen Filialen unterstanden zwar jeweils einem Leiter vor Ort, waren aber über das so genannte Linienprinzip direkt mit der Zentrale verbunden. So konnten die wichtigsten Berliner Abteilungen in den Bezirken und teilweise auch in den Kreisen jederzeit auf Mitarbeiter ihrer "Linie" zurückgreifen.
Wie Mielke nicht müde wurde hervorzuheben, bildeten die Inoffiziellen Mitarbeiter die "Hauptwaffe" des MfS. Trotz wachsender technischer Möglichkeiten galten die geheimen Informanten als die wichtigste und zuverlässigste Methode der Überwachung. Und sie berichteten nicht etwa spontan und zufällig, sondern wurden auf der Basis quasiwissenschaftlicher Analysen rekrutiert und eingesetzt. Experten an der Juristischen Hochschule der Staatssicherheit in Potsdam beschäftigten sich dazu jahrzehntelang mit der Frage, wie man Menschen zur Denunziation bewegen kann; Dutzende MfS-Mitarbeiter schrieben darüber ihre Diplom- und Doktorarbeiten.








Gewinnung und Einsatz der IM waren dementsprechend in umfangreichen Richtlinien geregelt. Vor der Anwerbung wurden die Kandidaten in der Regel zunächst selber intensiv ausgeforscht, um genau einschätzen zu können, wie sie auf einen Werbeversuch reagieren würden. Anschließend schrieb der zuständige MfS-Offizier eine Vorlage, die den geplanten Ablauf der Werbung skizzierte und vom Vorgesetzten abgezeichnet werden musste. Erst danach erfolgte die Ansprache, die möglichst mit der Unterzeichnung einer Verpflichtungserklärung enden sollte. In schwierigen Fällen z.B. bei Pastoren oder Westdeutschen begnügte man sich auch mit einer allmählichen Einbeziehung in die Zusammenarbeit, denn entscheidend war nicht die Unterschrift, sondern die Bereitschaft zur geheimen Kooperation. Nur etwa ein Prozent der DDR-Bürger fand sich allerdings tatsächlich zu einer Zusammenarbeit mit dem MfS bereit, und ein Drittel der geplanten Anwerbungen scheiterte, was bei der Diskussion über Stasi-Verstrickungen im Osten oft vergessen wird. Obwohl die Stasi die Anweisung hatte, ihre Informanten möglichst nicht aus den Reihen der SED zu werben, waren letztlich doch über dreißig Prozent von ihnen Parteimitglieder.
Das MfS unterteilte seine IM in verschiedene Kategorien. Ein IM zur "Sicherung der Konspiration" (IMK), wie es offiziell hieß, war beispielsweise ein DDR-Bürger, der dem MfS seine Wohnung oder sein Telefon für Geheimkontakte zur Verfügung stellte. Die IM zur "unmittelbaren Bearbeitung im Verdacht der Feindtätigkeit stehender Personen" (IMB) bespitzelten hingegen gezielt ihre Mitmenschen und führten auch Aufträge ihrer Führungsoffiziere aus. Dazwischen gab es eine Reihe weiterer Kategorien, darunter als größte Gruppe die IM zur "politisch-operativen Durchdringung und Sicherung des Verantwortungsbereiches" (IMS). Bei ihnen handelte es sich um eine Art halboffizieller Auskunftspersonen in Wohnhäusern, Schulen, Betrieben etc., die konspirativ mit dem MfS kooperierten.
Die IM hatten, je nach Einsatzgebiet, in erster Linie über ihr persönliches oder berufliches Umfeld zu berichten. Insbesondere die IMB, die zwei Prozent aller IM ausmachten, wurden auch gezielt auf "feindliche" Personen angesetzt, um sie auszuhorchen, zu beeinflussen oder zu bekämpfen. Der Führungsoffizier traf sich im Durchschnitt alle vier bis sechs Wochen mit dem IM, zumeist in einer konspirativen Wohnung, manchmal aber auch nur kurz im Auto. Bei den Treffen nahm er die schriftlichen oder mündlichen Berichte entgegen und erteilte neue Aufträge. Besonderen Wert legte das MfS dabei auf die Ehrlichkeit des IM, die es in regelmäßigen Abständen überprüfte. Die Belohnung bestand in der Regel nur aus kleinen Geschenken oder gelegentlichen Orden. All dies wurde in einem Aktenvorgang, der aus einem Personalteil, einem Berichtsteil und gegebenenfalls einem Finanzteil bestand, genau dokumentiert.








Aus dem Netz der Informanten und der Kontrolle von Briefen und Telefongesprächen bekam die Stasi ständig eine Fülle von Hinweisen, die umgehend an die zuständige Diensteinheit weitergeleitet wurden. Zudem führte es so genannte Sicherheitsüberprüfungen durch, die vor allem Personen mit Leitungsaufgaben betrafen. Laut Mielke hieß die Hauptfrage bei all diesen Aktivitäten: "Wer ist Wer?" Das MfS sollte möglichst von jedem Bürger wissen, wie er denkt und ob man sich politisch auf ihn verlassen kann.
Hatte sich eine Person erstmals verdächtig gemacht, legte der Staatssicherheitsdienst oft zunächst ein Ausgangsmaterial an, das, wenn sich der Verdacht erhärtete, in eine Operative Personenkontrolle oder einen Operativvorgang überführt wurde. Das bedeutete, dass ein MfS-Offizier den Betroffenen nach einem schriftlichen Plan systematisch ausforschen ließ. In der Regel befragte man dazu Vertrauensleute in den Betrieben oder Wohngebieten, überwachte den Post- und Telefonverkehr und erteilte verschiedenen IM genaue Aufträge. Während bei der OPK die vorbeugende Überwachung im Vordergrund stand und sie manchmal auch zur Anwerbung einer Person führen konnte, ging man beim OV bereits vom Vorwurf einer konkreten Straftat aus. Ohne dass der Betroffene davon wusste, führte das MfS mit geheimdienstlichen Mitteln Ermittlungen gegen ihn durch, z.B. wegen Landesverrats, geplanter Republikflucht oder staatsfeindlicher Hetze. Wenn der Betroffene verhaftet wurde, wusste der Staatssicherheitsdienst über die ihm vorgeworfenen Vergehen oft schon genau Bescheid.
Der Festgenommene kam in eine der 17 Untersuchungshaftanstalten (UHA) des MfS, das sodann ein förmliches Ermittlungsverfahren einleitete. Entsprechend Mielkes Vorgabe, gegen unerwünschtes Verhalten bereits vorbeugend vorzugehen, griff die Stasi häufig schon im Planungsstadium zu, wozu das Strafrecht der DDR ausreichend Möglichkeiten bot. In strenger Isolationshaft und unter entwürdigenden Schikanen versuchte der so genannte Untersuchungsführer, den Beschuldigten in wochen- oder monatelangen Vernehmungen zu einem Schuldeingeständnis zu bewegen, um die Erkenntnisse des MfS zu vervollständigen und zu "offizialisieren", d.h. gerichtsverwertbar zu machen. In der Regel hatte der Inhaftierte in dieser Phase keinerlei Kontakt zu seinen Angehörigen oder einem Anwalt, sodass der Vernehmer außer dem Wachpersonal das einzige menschliche Gegenüber blieb. Am Ende fertigte das MfS einen Abschlussbericht an, der als Grundlage für die Anklageschrift diente. Vor Gericht galten die bei den Vernehmungen gemachten Aussagen des Inhaftierten selbst dann als Beweismittel, wenn er sie widerrief. Das Urteil entsprach fast immer den Vorgaben des MfS. Insgesamt wird die Zahl der in der DDR aus politischen Gründen festgenommenen Personen auf 200 000 bis 250 000 geschätzt.








Um ihren internationalen Ruf zu verbessern, versuchte die SED-Partei in den siebziger und achtziger Jahren zunehmend, die Verhaftung von Kritikern zu vermeiden. Prominente Oppositionelle wie Ulrike Poppe, Freya Klier oder Bärbel Bohley kamen bei entsprechenden Protesten nach einigen Tagen wieder frei. Insbesondere wenn jemand Kontakte in den Westen hatte, wurden häufig weniger sichtbare Verfolgungsmethoden eingesetzt. Statt mit Haft sollten die Betroffenen, so sah es die OV-Richtlinie 1/76 vor, mit so genannten Zersetzungsmaßnahmen "zersplittert, gelähmt, desorganisiert und isoliert" werden, ohne dass das MfS als Urheber in Erscheinung trat. Die Liste dieser Maßnahmen reichte von der systematischen Diskreditierung des öffentlichen Rufes über die gezielte Organisierung beruflicher Misserfolge bis zur künstlichen Erzeugung von Misstrauen und gegenseitigen Verdächtigungen. Die Stasi stützte sich dabei vor allem auf seine IM, die gezielt Gerüchte verbreiteten, Konflikte schürten oder die Betroffenen verunsicherten. Diese wurden zusätzlich über die so genannten Partner des operativen Zusammenwirkens (POZW), Vorgesetzte, Lehrer, Polizisten, Ärzte etc., unter Druck gesetzt und beeinflusst. Mit anonymen Briefen oder kompromittierenden Fotos wurden auch Familien- und Freundschaftsbeziehungen gezielt gestört. Der staatlich organisierte Psychokrieg, dem mehrere Tausend Menschen, manchmal jahrelang ausgesetzt waren, wurde von MfS-Offizieren systematisch geplant und auf seine Wirkungen hin kontrolliert. Es war eine "leise Form des Terrors", wie der Schriftsteller Jürgen Fuchs, selber Opfer zahlloser Zersetzungsmaßnahmen, das Vorgehen der Stasi charakterisierte.








Während das Bedürfnis der SED nach internationaler Anerkennung und die wachsenden wirtschaftlichen Probleme der DDR die Stasi seit den frühen achtziger Jahren zu verstärkter Vorsichtnahme gegenüber dem Westen zwangen, tat sich ab 1986 im Osten überraschend eine zweite Front auf: die Reformpolitik des neuen sowjetischen Parteichefs Michail Gorbatschow, der das marode sozialistische System durch "Glasnost" (Offenheit) und "Perestroika" (Umbau) zu retten suchte. Zwar versuchte 1988 Kurt Hager als Chefideologe der SED, mit der Bemerkung; dass man seine Wohnung doch nicht nur deshalb neu tapezieren würde, weil es der Nachbar täte, das Problem wegzureden. Zum ersten Mal seit ihrer Gründung stand die DDR ohne ihre politische Schutzmacht da. Für die Stabilität der DDR hatte dies schwerwiegende Folgen: Forderungen, die bis dahin nur der "Klassenfeind" gestellt hatte, konnten Kritiker nun unter Berufung auf die SED-Propagandalosung "Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen" erheben. Auch in den eigenen Reihen der Stasi kamen Zweifel am Vorgehen der SED auf, etwa als im November 1988 der Bezug der deutschsprachigen sowjetischen Zeitschrift "Sputnik" in der DDR untersagt wurde. Die Politik der SED verwickelte sich zunehmend in Widersprüche, weil sie einerseits auf Repressalien nicht verzichten konnte, andererseits auf die internationale Zusammenarbeit immer stärker angewiesen war. Um sich nicht völlig zu isolieren, sah sich die DDR beispielsweise auch dazu gezwungen, bei der Fortsetzungstagung der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa KSZE 1988 in Wien der Zulassung von Menschenrechtsgruppen zuzustimmen, die der Staatssicherheitsdienst bis dahin heftig bekämpft hatte. Auch die Möglichkeiten für DDR-Bürger, in den Westen zu reisen, nahmen deutlich zu, mit der Folge, dass die Unzufriedenheit mit den eigenen Lebensverhältnissen erst recht anwuchs.








Das sicherheitspolitische Dilemma der SED zeigte sich erstmals in aller Offenheit, als der Staatssicherheitsdienst im Herbst 1987 die Räume der oppositionellen Umweltbibliothek durchsuchte, um die seit einem Jahr inoffiziell erscheinende Zeitschrift "Grenzfall" zu zerschlagen. Nachdem ein eingeschleuster IM vorgeschlagen hatte, das Blatt hier zu drucken, und anschließend die Stasi über den Drucktermin informierte, erschienen in der Nacht vom 24. zum 25. November etwa zwanzig Stasi-Offiziere zusammen mit dem Generalstaatsanwalt in der Ost-Berliner Zionsgemeinde, um die Initiatoren auf frischer Tat bei der Herstellung zu ertappen. Mehrere Mitarbeiter der Umweltbibliothek wurden verhaftet und die Druckmaschinen beschlagnahmt. Bereits am nächsten Tag setzte jedoch eine breit angelegte Solidarisierungskampagne mit Mahnwachen und Bittgottesdiensten ein, die über das westdeutsche Fernsehen schnell öffentlich wurde. Auf Anweisung der SED musste der Staatssicherheitsdienst die Inhaftierten nach einigen Tagen wieder freilassenein Sieg für die zahlenmäßig kleine Opposition in der DDR. Die Situation wiederholte sich im Januar 1988, als die Stasi mehrere Oppositionelle und Ausreiseantragsteller verhaftete, die sich mit Transparenten an einer offiziellen Gedenkdemonstration für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht beteiligt hatten. Zwar konnte der Staatssicherheitsdienst diesmal erreichen, dass mehrere führende Oppositionelle die DDR verließen, doch hatten einige von ihnen ein Rückkehrrecht aushandeln können und damit erneut die Schwäche der SED sichtbar gemacht. Die unabhängigen Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen im Schutzraum der evangelischen Kirchen erhielten seitdem immer mehr Zulauf — nicht zuletzt von zahlreichen Ausreiseantragstellern, die sich davon eine schnellere übersiedlung in die Bundesrepublik versprachen. Im Mai 1989 protestierten oppositionelle Gruppen gegen die Fälschung der Ergebnisse der Kommunalwahl, bei der es erstmals nicht mehr die bis dahin übliche Zustimmung von 99 Prozent der Wahlberechtigten gegeben hatte. Im Sommer flüchteten dann zahlreiche DDR-Bürger in die Botschaften der Bundesrepublik in Prag und Budapest und verlangten ultimativ ihre Ausreise in den Westen. Nachdem die ungarische Regierung demonstrativ den Grenzzaun zu Österreich eingerissen hatte, gingen schließlich Hunderte von DDR-Bürgern zu Fuß über die grüne Grenze, ohne dass der Staatssicherheitsdienst dies verhindern konnte. Die Bilder der freudestrahlenden Flüchtlinge im westdeutschen Fentsehen widerlegten nicht nur die penetrante Erfolgspropaganda in den DDR-Medien, sondern machten auch die Hilflosigkeit der SED deutlich, während die Zurückgebliebenen zunehmend das Gefühl bekamen, sich auf einem untergehenden Schiff zu befinden. In Leipzig demonstrierte unter diesem Eindruck jeden Montag eine wachsende Zahl von Menschen für Reformen in der DDR und einen politischen Dialog zwischen Volk und Regierung, ohne dass der Staatssicherheitsdienst dies wirksam unterband. Anfang Oktober kulminierte die innenpolitische Krise, als die SED mit großem Aufwand den vierzigsten Jahrestag der DDR-Gründung feierte, während in Leipzig über 70000 Menschen durch die Innenstadt marschierten. In dieser Situation zwang das Politbüro Erich Honecker am 18. Oktober 1989 zum Rücktritt und bestimmte Egon Krenz zu seinem Nachfolger.








Die neue SED-Führung verkündete eine politische Wende und die Einleitung von Reformen. Die wichtigsten Spitzenfunktionäre, darunter auch Erich Melke, verloren ihre Ämter und wurden nun zu Sündenböcken. Unter dem befreienden Gelächter der Abgeordneten verteidigte sich Mitte November der kurz zuvor noch so gefürchtete Erich Mielke in der DDR-Volkskammer mit den berühmt gewordenen Sätzen "lch liebe, ich liebe doch alle. Ich liebe doch alle Menschen" Drei Wochen später wurde er verhaftet und kam in Untersuchungshaft, die er zeitweise im Haftkrankenhaus Berlin-Hohenschönhausen verbrachte.
Neuer Leiter des Staatssicherheitsdienstes wurde der ehemalige Großhandelskaufmann und bisherige Stellvertreter Mielkes, Wolfgang Schwanitz, zugleich wurde der Geheimdienst in das Amt für Nationale Sicherheit (AfNS) umbenannt. Der weit verbreitete Zorn auf die Stasi ließ sich dadurch freilich nicht besänftigen. Als bekannt wurde, dass hinter den Mauern der Stasi-Dienstgebäude systematisch Akten vernichtet wurden, besetzten Bürger Anfang Dezember 1989 die ersten Bezirksverwaltungen. Unter diesem Eindruck beschloss die DDR-Regierung am 14. Dezember, auch das AfNS aufzulösen und es durch einen Verfassungsschutz und einen Nachrichtendienst zu ersetzen - vergeblich. Unter dem Druck der anhaltenden Bevölkerungsproteste sah sich die Regierung im Januar 1990 schließlich gezwungen, den Staatssicherheitsdienst bis zum 31. März ersatzlos abzuwickeln, während die HV A dafür bis zum 30. Juni Zeit eingeräumt bekam. Um die Auflösung zu beschleunigen, besetzten Demonstranten am 15. Januar 1990 auch die Stasi-Zentrale in der Berliner Normannenstraße, und ein Bürgerkomitee wachte hinfort zusammen mit Regierungsvertretern über die Entlassung der 91000 hauptamtiichen Mitarbeiter sowie den Erhalt der Akten. Bald stellte sich heraus, dass die Stasi auch in den neu gegründeten Oppositionsparteien an führender Stelle mit IM verankert war, unter ihnen der Vorsitzende des CDU-nahen "Demokratischen Aufbruchs", Wolfgang Schnur, und der Spitzenkandidat der Sozialdemokraten, Ibrahim Böhme, die beide deshalb zurücktreten mussten. Insgesamt wurden in den Dienststellen der Stasi über 125000 Revolver und 77000 Maschinenpistolen eingesammelt, ein Waffenarsenal, das die unblutige Auflösung des Staatssicherheitsdienstes wie ein Wunder erscheinen lässt. Erich Mielke wurde, ebenso wie die meisten anderen Stasi-Mitarbeiter für seine Taten als Minister für Staatssicherheit niemals strafrechtlich zur Verantwortung gezogen. Erst 1993 wurde er wegen der Ermordung zweier Polizisten auf dem Berliner Bülowplatz am Ende der Weimarer Republik zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt; zwei Jahre später kam er vorzeitig aus der Haft frei. Er starb am 21. Mai 2000 in einem Altenpflegeheim in Berlin-Hellersdorf.




Dr. Hubertus Knabe, Peter Erler, Der verbotene Stadtteil, Stasi-Sperrbezirk Berlin-Hohenschönhausen, 2005, Jaron Verlag.