Das vorliegende "Wörterbuch der politisch-operativen Arbeit" des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) definiert auf 470 Seiten über 900 Begriffe, die bei der Bekämpfung von politischen Gegnern oder Menschen, die man dafür hielt, eine Rolle spielten. Wie kaum ein anderes vom MfS überliefertes Dokument fixiert, komprimiert und erklärt das Wörterbuch damit Denken und Sprache des Staatssicherheitsdienstes der DDR.

Entstanden ist das Wörterbuch Ende der sechziger Jahre aus dem Bestreben heraus, den Sprachgebrauch innerhalb des MfS zu vereinheitlichen. Die Initiative dazu war von der zentralen Ausbildungsstätte des MfS - der Juristischen Hochschule (JHS) in Potsdam-Eiche ausgegangen, die mit der Erstellung des Wörterbuches einen Beitrag zum 20. Jahrestag der DDR leisten wollte. In Abstimmung mit der Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) wurden die jeweiligen Diensteinheiten um Vorschläge gebeten, welche Begriffe Eingang in das Wörterbuch finden sollten. Eine Kommission der JHS nahm auf dieser Basis die endgültige Auswahl vor und delegierte die Erarbeitung der Begriffsdefinitionen an die einzelnen Lehrstühle. Diese wurden dann noch einmal mit der ZAIG und den Diensteinheiten abgestimmt. Während ursprünglich vorgesehen war, das Wörterbuch in zwei Teile aufzugliedern - Teil II sollte "die Termini des Gegners" umfassen -, nahm man im Laufe der Vorbereitungen wieder Abstand davon, weil bestimmte Bezeichnungen, insbesondere solche für allgemeine geheimdienstliche Techniken (z.B. "Toter Briefkasten"), diese Unterscheidung nicht zuließen.

Die erste Auflage des Wörterbuches mit über 700 im MfS gebräuchlichen Begriffen erschien im Januar 1970. Im Vorwort bezeichnete der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, das Wörterbuch als "ein wertvolles Hilfsmittel zur weiteren Qualifizierung der Mitarbeiter, mit maximaler Kraft am Feind zu arbeiten". In "schöpferischer Zusammenarbeit" der Angehörigen der Juristischen Hochschule mit Leitern und Mitarbeitern aller operativer Linien sei ein wissenschaftliches Nachschlagewerk entstanden, "das die Erfahrungen über den effektivsten Einsatz unserer operativen Kräfte und Mittel sowie die reichen Erkenntnisse über die Leitung und Organisation der tschekistischen Arbeitsprozesse ausgeschöpft, wissenschaftlich durchdrungen und verallgemeinert" habe. Auf der Grundlage der zentralen dienstlichen Bestimmungen biete es Unterstützung und Anregung in der politisch-operativen Arbeit. Als Beitrag für die einheitliche Gestaltung der Leitungs- und Informationsprozesse im MfS habe es "die dafür notwendige einheitliche operative Fachsprache mit dem Ziel zu entwickeln, um gegebene Befehle und Weisungen präziser und zielstrebiger durchzusetzen". Abschließend ordnete IV!ielke an: "Die im Wörterbuch enthaltenen Begriffe sind im Bereich aller Organe des Ministeriums für Staatssicherheit einheitlich anzuwenden" (Wörterbuch für die politisch-operative Arbeit, Ministerium für Staatssicherheit, Juristische Hochschule, GVS MfS 160-300/69, 5. Ausfertigung, S.I).

Das Wörterbuch besaß demzufolge sowohl deskriptive als auch normative Funktionen. Einerseits sollte es die in der Praxis verwendeten Begriffe auflisten und definieren, andererseits den MfS-internen Sprachgebrauch vereinheitlichen und verbindlich regeln. Diese doppelte Funktion spiegelt sich auch in der Auswahl der Stichworte wider, die einerseits dem alltäglichen Geheimdienstjargon entnommen wurden, andererseits aus den dienstlichen Vorschriften und Weisungen des MfS stammten; ein drittes Begriffsfeld bilden spezielle Bezeichnungen aus dem Gebiet der Kriminalistik, die auch im kriminalistischen Wörterbuch des DDR-Innenministeriums definiert sind (Autorenkollektiv: Wörterbuch der sozialistischen Kriminalistik, Ministerium des Innern, Publikationsabteilung, Berlin 1981). Alle Begriffserklärungen - auch die letztgenannten - zeichnen sich freilich dadurch aus, daß sie unmittelbar auf die spezifischen, Belange der geheimdienstlichen Arbeit des MfS zugeschnitten sind und sich deshalb auch bei allgemeineren Begriffen von Definitionen anderer Nachschlagewerke der DDR deutlich unterscheiden. So wird, um nur ein Beispiel zu nennen, im MfS-Wörterbuch unter dem Stichwort "Beweismittel" (S. 60f.) ausdrücklich zwischen offiziellen und inoffiziellen unterschieden - eine Differenzierung, die in dieser Klarheit nur für MfS-Mitarbeiter vorgenommen wurde.

Die von Mielke verlangte Vereinheitlichung des MfS-internen Sprachgebrauchs stieß allerdings in der Praxis auf Schwierigkeiten. Trotz der ständigen Ausweitung und Verfeinerung der einschlägigen Dienstvorschriften ließ sich das geheimdienstliche Vorgehen kaum bis in alle Einzelheiten schriftlich regeln und definieren. Ein solcher Versuch kollidierte sowohl mit dem Prinzip der inneren Konspiration als auch mit der Notwendigkeit, die Methoden des MfS im Kampf gegen politische Gegner den sich wandelnden Umständen und Gegebenheiten anzupassen. In seinem Vorwort verlangt Mielke deshalb auch, daß der "Inhalt des Wörterbuches durch die Hochschule ständig ergänzt wird". Aus diesem Grunde wurde das Wörterbuch als Loseblattsammlung angelegt, wozu eigens eine Ausnahmegenehmigung erteilt werden mußte, weil dies mit der Einstufung als "Geheime Verschlußsache" (GVS) normalerweise nicht zu vereinbaren war. Der hohe Geheimhaltungsgrad war auf der anderen Seite unumgänglich, weil das Wörterbuch auf den ebenfalls als GVS eingestuften Dienstvorschriften beruhte und darüber hinaus einen einzigartigen Überblick über die Arbeit des MfS bot, während sonst die Mitarbeiter nur das unmittelbar für ihre Tätigkeit erforderliche Wissen zugänglich gemacht bekamen.

Die regelmäßige Aktualisierung des Wörterbuches nahm eine spezielle Kommission bei der Juristischen Hochschule vor, die einmal im Jahr zusammentrat. Diese wandte sich wiederum an die verschiedenen Lehrstühle der JHS bzw. an die zuständigen Bereiche der ZAIG (insbesondere die mit der Erstellung von dienstlichen Bestimmungen befaßte Arbeitsgruppe 2, Bereich 2), um den Aktualisierungs- und Neudefinitionsbedarf in Erfahrung zu bringen. Die Formulierung der Definitionen erfolgte dann in der Regel durch die fachlich kompetenten Lehrstühle der JHS - neben denen der Sektion Rechtswissenschaften (insbesondere Strafrecht und Strafprozeßrecht) vor allem die der Sektion Spezialdiziplinen (Operative Grundprozesse, Operative Psychologie, Leitungswissenschaften, Spionageabwehr, Kriminalistik, Politische Diversion, Volkswirtschaftliche Sicherung und Sicherung bewaffneter Organe). Eine vollständig überarbeitete Neuauflage erschien 1981 in Auswertung der Beschlüsse des X. Parteitag der SED und wurde u.a. mit neuen und sich verändernden Sicherheitserfordernissen sowie mit der erhöhten gesellschaftlichen Verantwortung des MfS in der sozialistischen Gesellschaft begründet.

Ein Vergleich der hier veröffentlichten letzten Auflage des Wörterbuches vom April 1985 (Wörterbuch der politisch-operativen Arbeit, Ministerium für Staatssicherheit, Hochschule, Potsdam, April 1985, GVS JHS 001-400/81, 27. Ausfertigung, 282 Blatt) mit der Erstauflage zeigt, daß das Wörterbuch in der Tat umfangreiche Veränderungen erfahren hatte. Nicht nur die Zahl der verzeichneten Stichworte stieg von 747 auf 915, sondern auch die Begriffe selbst zeigen eine große Varianz. Gestrichen wurde beispielsweise allein beim Buchstaben "A" rund die Hälfte der Begrifflichkeiten (u.a. Abdeckung, Abklopfen auf Durchlässigkeit, Ablagestelle/Ablageort, Abschaltung von Agenten, Abschluß der Vorgangsbearbeitung, Abschlußbericht), während auf der anderen Seite eine ähnlich hohe Zahl an Stichworten neu hinzukam (u.a. Abwerbung, Agent-Provokateur, Agentenabschaltung, Agentenausbildung, Agentenausrüstung). Ursache dieser umfangreichen Veränderungen ist freilich oftmals nur eine sprachliche Umstellung und eine stärkere Systematisierung des Wörterbuches durch die Zuordnung einzelner Begriffe zu einem gemeinsamen Oberbegriff (z.B. je acht Unterbegriffe zu "Agent" oder zu "Angehörige des MfS"). Reduziert wurde aber auch der Anteil von Jargon-Begriffen (z.B. Abdeckung, Schnellgeber) und insbesondere der an nicht-MfS-spezifischen Begrifflichkeiten (z.B. Anweisung, Annäherung, Gedächtnis, Gefühl). Begriffe, die ausschließlich im Westen benutzt wurden bzw. mit der Arbeit gegnerischer Geheimdienste in Zusammenhang standen (z.B. die Definition der Geheimdienste Air Intelligence Service, Allied Travel Office oder Central Intelligence Agency) wurden ebenfalls aus der Neuauflage des Wörterbuches entfernt. Neu hinzu kamen, dagegen zahlreiche Begrifflichkeiten, die dem auch sonst im MfS zu beobachtenden Bemühen um eine ständige Ausdifferenzierung und Spezifizierung des "fachlichen" Vokabulars entsprangen (allein zum Stichwort "Inoffizieller Mitarbeiter' finden sich beispielsweise 53 Unter-Einträge, mit denen den Bestimmungen der 1979 neu eriassenen einschlägigen Richtlinie 1/79 entsprochen werden sollte).

Über die Bedeutung des Wörterbuches für die praktische Arbeit der MfS-Mitarbeiter liegen bislang nur wenige Erkenntnisse vor. Seine Deklarierung als GVS hatte zur Folge, daß - wie bei den Richtlinien und Dienstanweisungen - in der Regel nur die Leiter der operativen Diensteinheiten unmittelbaren Zugriff auf das Wörterbuch hatten, wohingegen die ihnen unterstellten Mitarbeiter zur Einsichtnahme eine Genehmigung benötigten. Ein zweites Problem war, daß der Minister selbst in seinen Reden und Erklärungen Mühe hatte, sich an den strengen Sprachkodex zu halten. Ausgesprochen feine begriffliche Unterscheidungen, wie die zwischen "Zusammenarbeit" (mit anderen Diensteinheiten des MfS) und "Zusammenwirken" (mit anderen staatlichen Organen), fanden bei den einzelnen Mitarbeitern - sieht man von der ZAIG und der JHS einmal ab - in der Praxis nicht immer die geforderte Beachtung.

Immer wieder kam es auch zu Neufestlegungen, die in der Folge einen anderen Sprachgebrauch erforderlich machten. Ein Beispiel dafür ist die Abschaffung des Begriffs "Vorfeld" im Zusammenhang mit der sogenannten "Politischen Untergrundtätigkeit" (PUT) nach einer Dienstkonferenz im September 1984. Während bis dahin bestimmte Handlungen dem  Vorfeld  der PUT zugeordnet wurden und damit selber noch  nicht  als Untergrundtätigkeit galten, wurde diese Unterscheidung mit der "Dienstanweisung Nr. 2/85 zur vorbeugenden Verhinderung, Aufdeckung und Bekämpfung politischer Untergrundtätigkeit" (VVS MfS o0086/85, 20.02.1985) aufgegeben - im Wörterbuch ist sie jedoch noch enthalten. Auch die Einführung neuer dienstlicher Bestimmungen wie der "Richtlinie Nr. 1/79 für die Arbeit mit Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) und Gesellschaftlichen Mitarbeitern für Sicherheit (GMS)" (GVS MfS o008-1/79, 08.12.1979) zog eine Veränderung des Sprachkodexes - in diesem Fall insbesondere bei den IM-Kategorien - nach sich. Manche Bereiche wie die Bearbeitung von "Operativen Vorgängen" (OV) waren bei Erscheinen der Erstauf lage des Wörterbuches auch noch nicht so detailliert geregelt, sondern wurden erst in den siebziger und achtziger Jahren - in diesem Fall durch die Richtlinie 1/76 und die dazugehörigen Durchführungsbestimmungen - durch dienstliche Bestimmungen umfassend definiert.

Die Bedeutung des Wörterbuches liegt heute vor allem darin, daß es wie kaum ein anderes Dokument aus dem Ministerium für Staatssicherheit die ganze Bandbreite der sogenannten politisch-operativen Arbeit des MfS beschreibt und damit auf relativ knappem Raum einen Einblick in Selbstverständnis und Methoden des DDR-Geheimdienstes verschafft. Obwohl das Wörterbuch nicht den Charakter einer Richtlinie oder Dienstanweisung trägt, stellt es eine genaue, durch Abstimmung mit den Diensteinheiten sowie durch regelmäßige Überarbeitung überprüfte Zusammenfassung der wichtigsten Bestimmungen, Vorgehensweisen und Sachverhalte dar, die für die Tätigkeit der MfS-Mitarbeiter relevant waren. Zentrale Bedeutung kam ihm insbesondere bei der Ausbildung, Schulung und Anleitung der Mitarbeiter zu - eine Funktion, die Erich IVlielke in seinem Vorwort zur ersten Auflage ausdrücklich hervorhebt, wenn er das Wörterbuch als "modernes Führungsmittel des Leiters" und als "ein wichtiges Instrument der tschekistischen Erziehung" charakterisiert. Namentlich von den Absolventen der Hochschule wurde verlangt, daß sie sich in ihren Abschlußarbeiten genau an die vorgegebene Sprachregelung hielten, wozu ihnen selbstverständlich auch die Einsichtnahme in das Wörterbuch gestattet war.

Vor diesem Hintergrund stellt das "Wörterbuch der politisch-operativen Arbeit" ein wichtiges Nachschlagewerk dar für Staatsanwälte, Richter, Wissenschaftler, Politiker oder Betroffene, die sich mit der Tätigkeit des MfS intensiver beschäftigen und dabei immer wieder auf die vom MfS erarbeiteten Definitionen zurückgreifen müssen. Zugleich gewährt es einen tiefen Einblick in die "Sprache der Täter" - die "Lingua Securitatis", wie sie in einer Veröffentlichung eines Bürgerkomitees einmal genannt wurde. Die Publikation des Wörterbuches könnte damit auch Ausgangspunkt sein für künftige Analysen der bürokratisch-verquasten Sprachwelt der Staatssicherheit - mit ihren Nominalkonstruktionen und dem inflationären Gebrauch des Komparativs, mit ihrem Abkürzungswahn und einem spezifischen Fundus an Verben, die vergessen machen, daß sich das MfS in erster Linie mit Menschen beschäftigte. Die systematische Instrumentalisierung der Sprache zur Umdeutung der Wirklichkeit und zur Überwindung etwaiger moralischer Hemmnisse bei den Mitarbeitern macht dieses Wörterbuch letztendlich zu einer ebenso lehrreichen wie schwer erträglichen Lektüre.1


1 Vorbemerkung, Hubertus Knabe; Wörterbuch der politisch-operativen Arbeit (GVS JHS 001 - 400/81) JHS Potsdam-Eiche, April 1985, dok. in: Das Wörterbuch der Staatssicherheit. Definitionen des MfS zur "politisch-operativen Arbeit". Hg. BStU, 2. Auflage Berlin 1993, S. V-VII.