Stasi, Wörterbuch, Seite 217 / 4

Stasi-Wörterbuch Seite 218 / 1


Kompromat Sachverhalt aus dem Lehen einer Person, der im Widerspruch zu gesellschaftlichen (juristischen, moralischen) Normen und Anschauungen steht, bei seinem Bekanntwerden zu rechtlichen oder disziplinarischen Sanktionen, zu Prestigeverlusten, zur öffentlichen Bloßstellung, zur Gefährdung des Rufes im Bekannten- und Umgangskreis führen würde und aufgrund dessen bei der betreffenden Person das innere Bedürfnis entsteht bzw. geweckt werden kann, die daraus resultierenden negativen Folgen von sich abzuwenden bzw. eingetretenen Schaden wiedergutzumachen.
Bei der Gewinnung neuer IM, beim —> Herausbrechen von Personen aus feindlichen Gruppen, bei der Durchführung von —> Zersetzungsmaßnahmen mit Hilfe von Kompromaten werden diese bestehenden oder hervorgerufenen —> Rückversicherungs- und Wiedergutmachungsbestrehungen genutzt.
Die Lösung dieser Aufgaben, vor allem bei Personen mit verfestigter antisozialistischer Einstellung, kann auch die Schaffung von wirksamen Kompromaten erforderlich machen.
Kompromittierende Sachverhalte können sein:
— nicht geahndete Gesetzesverletzungen, — Verletzungen von Pflichten, Begünstigung von Fehlverhalten und Schädigung,
— Übertretung moralischer und politisch-ideologischer Normen,
— Verheimlichung belastender persönlicher Verbindungen, Fälschungen.
Die motivierende Wirkung eines Kompromats ist immer gebunden an die jeweilige Person. Diese Wirkung ist vor allem abhängig von
— den ideologisch-moralischen Einstellungen, dem Rechtsbewußtsein, der Ansprechbarkeit und charakterlichen Feinfühligkeit,
— der gesellschaftlichen Stellung der Person und dem damit verbundenen öffentlichen Ruf,
— der beruflichen Position und den Verhaltensnormen, die für die jeweilige Berufsgruppe, der die Person angehört, gelten,
— den Normen der Gruppe oder des Personenkreises, zu denen sich die Person zugehörig fühlt,
— der Rolle der Familienbeziehungen und der Stellung der Person zu ihren Angehörigen.
Der Einsatz des Kompromats hat in Abhängigkeit der Person und seiner Beschaffenheit differenziert zu erfolgen durch
— die kompakte Anwendung, um z. B. in ihrer feindlichen Einstellung verhärteten Personen den Ernst der Lage bewußt zu machen,
— die ausgewählte, teilweise Anwendung, um z. B. damit Impulse der Person zur selbständigen Stellungnahme zu gehen,
— den Verzicht auf den direkten Einsatz, um z. B. damit positive Haltungen der Person zum MfS zu entwickeln.
Die Wirkung des Kompromats für die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem MfS ist in der Regel zeitlich begrenzt. Deshalb muß in der Zusammenarbeit mit IM, die auf der Grundlage von Rückversicherungs- und Wiedergutmachungsbestrehungen gewonnen wurden, allmählich an dessen Stelle das wachsende Vertrauen in das MfS, das Erkennen der Notwendigkeit der inoffiziellen Arbeit treten.1




1 Definition: Kompromat / Wörterbuch der politisch-operativen Arbeit (GVS JHS 001 - 400/81) JHS Potsdam-Eiche, April 1985, dokumentiert in: Das Wörterbuch der Staatssicherheit. Definitionen des MfS zur "politisch-operativen Arbeit". Hg. vom BStU, 2. Auflage Berlin 1993, S. 217, 218.