Stasi-Wörterbuch Seite 137 / 2

Staatssicherheit-Wörterbuch Seite 138 / 1


Gerücht sprachliche Darstellung eines für eine bestimmte Menschengruppe mit Ungewißheit belasteten Sachverhaltes in Form von Behauptungen, Spekulationen oder Entstellungen, deren Wahrheit oder Unwahrheit vom Empfänger zumeist nicht bewiesen werden kann.

Gerüchte beziehen sich inhaltlich zumeist auf gesellschaftliche Ereignisse, Personen oder Personengruppen, die im Blickpunkt der Örfentlichkeit stehen. Gerüchte stehen in unmittelbarer Beziehung zu den jeweihgen konkreten Verhältnissen und knüpfen an bereits vorherrschende Bedürfnisse, Hoffnungen, Erwartungen, Befürchtungen und an teilweise realistische Aussagen an, wodurch die Ungewißheit über den Sachverhalt scheinbar abgebaut werden kann.

Gewöhnlich erfolgt eine schnelle Weitergabe der Gerüchts als besondere "Neuigkeiten" oder "Sensationen" über eine Kette von Personen. Dabei treten zumeist charakteristische Veränderungen des Inhaltes hinsichtlich der Vereinfachung, Strukturierung und Detaillierung auf. Gerüchteverbreiter beziehen sich meist auf Autoritäten, um damit eine rasche und ungeprüfte Weitergabe zu erzielen.

Die Verbreitung von Gerüchten zählt zu den Methoden der politisch-ideologischen Diversion. Sie werden vor allem von den Zentren der politischideologischen Diversion und den Geheimdiensten erzeugt oder aufgegriffen und über die Kontaktpolitik/Kontakttätigkeit, durch Presse, Funk und Fernsehen massenwirksam oder durch Mittelsmänner verbreitet. Dabei werden, da sie auf den Empfänger verhaltensorientierend wirken, folgende spezielle Ziele, die sich in die Zielstellung der politisch-ideologischen Diversion einordnen, verfolgt:

— Untergrabung des Vertrauensverhältnisses zwischen der Bevölkerung und der Partei- und Staatsführung durch Diffamierung führender Persönlichkeiten,
— Beeinflussung und Zersetzung des sozialistischen Bewußtseins durch die Erzeugung von Unruhe, Mißstimmung, Formen des passiven Widerstandes und Erscheinungen der Desorganisation und Demoralisie
— Auslösung feindlicher Handlungen besonders in Spannungssituationen durch verstärkte Manipulierung,
— Schutz feindlicher Agenturen.

Wegen dieser Zielstellungen sind Gerüchte in unterschiedlichem Maße Gegenstand operativen Interesses.1




1 Definition: Gerücht / Wörterbuch der politisch-operativen Arbeit (GVS JHS 001 - 400/81) JHS Potsdam-Eiche, April 1985, dokumentiert in: Das Wörterbuch der Staatssicherheit. Definitionen des MfS zur "politisch-operativen Arbeit". Hg. vom BStU, 2. Auflage Berlin 1993, S. 137, 138.